Anna Buschmeyer: Brüchige Männlichkeit – aber kein Zusammenbruch männlicher Herrschaft

Brüchige Männlichkeit – aber kein Zusammenbruch männlicher Herrschaft

Rezension von Anna Buschmeyer

Sylka Scholz:

Männlichkeitssoziologie.

Münster: Westfälisches Dampfboot 2012.

290 Seiten, ISBN 978-3-89691-907-6, € 27,90

Abstract: Sylka Scholz bringt verschiedene Stränge ihrer bisherigen Forschung über Männer und Männlichkeit zusammen und bietet so einen guten Überblick. Für das viel diskutierte Forschungsfeld formuliert sie einen neuen theoretischen Rahmen und prüft dessen empirische Tragfähigkeit in den Feldern Arbeitsmarkt, Militär und Politik. Sie kann aufzeigen, dass Männlichkeit zwar brüchig wird, sich aber kein Zusammenbruch männlicher Herrschaft und keine Alternative zur bisherigen hegemonialen Männlichkeit abzeichnet. Das Buch eignet sich gut für eine Einführung in das Forschungsgebiet, an unterschiedlichen Stellen wird weiterer Forschungsbedarf aufgezeigt. Theoretisch ist das Zusammendenken der Ansätze von Connell und Bourdieu für die Weiterentwicklung des Faches hilfreich – stellenweise hätte jedoch ruhig auch in diesem Buch schon etwas weiter theoretisiert werden dürfen.

In ihrem Buch Männlichkeitssoziologie beschäftigt sich Sylka Scholz mit Männlichkeit(en) in der Erwerbsarbeit, der Politik und im Militär und rahmt diese von ihr empirisch untersuchten Felder mit einem breiten Überblick über die deutsche und internationale Forschung zu Männern und Männlichkeit(en). Dafür nimmt sie früher veröffentlichte Studien und Aufsätze auf und fügt sie zu einer zusammenhängenden Monographie zusammen. Den Begriff ‚Männlichkeitssoziologie‘ wählt sie dabei als neue Bezeichnung, bisher war meist von Männer- und/oder Männlichkeitsforschung die Rede. Der schlichte Titel des Buches regt dabei zur ersten Auseinandersetzung an: Was bedeutet Männlichkeitssoziologie? Gibt es eine Weiblichkeitssoziologie, der eine Männlichkeitssoziologie gegenübergestellt werden sollte? Wieso heißt das Thema nicht „Soziologie der Männer“ oder gar „Männersoziologie“? Über Männlichkeit (und erst in zweiter Linie über Männer) soziologisch nachzudenken, dazu möchte die Autorin mit ihrem Buch anregen, das als ein gutes Einführungs- oder Überblicksbuch besonders für diejenigen Leser/-innen interessant sein dürfte, die sich bisher eher weniger mit dem Thema beschäftigt haben. Aber auch für Expert/-innen der Männer- und Männlichkeitsforschung bietet das Buch einiges Neues – insbesondere weil Ost- und Westdeutschland, BRD und DDR so konsequent zueinander in Bezug gesetzt werden. Insofern ist der Titel wohl gut gewählt: Das Buch gibt einen breiten Überblick darüber, was über Männlichkeit soziologisch (und eben nicht psychologisch, pädagogisch o. ä.) in den letzten Jahren und Jahrzehnten geforscht wurde. Gleichzeitig regt die Autorin zu einer Debatte über die Benennung als „Männlichkeitssoziologie“ an, und es wird im Folgenden zu zeigen sein, inwieweit das Buch einen Beitrag zur Weiterentwicklung dieses Forschungsfeldes leisten kann.

Entwicklung eines Männlichkeitskonzepts

Scholz zeigt, dass Männer in den letzten Jahren zum gesellschaftlich interessanten Thema wurden, was sich unter anderem auf Soziologiekongressen, in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und in Tages- und Wochenzeitungen widerspiegelt. Besonders unter dem Blickwinkel sich wandelnder Arbeitsbedingungen auch für Männer (weniger kontinuierliche Beschäftigung, Prekarisierungserfahrungen, Wandel innerfamiliärer Arbeitsteilung usw.) ist der Blick darauf gerichtet, wie Männer mit diesen Veränderungen umgehen. Nach wie vor gibt es jedoch wenig theoretisches Wissen über Männer und Männlichkeit, weswegen die Autorin mit ihrem Buch eine solche Theoriebildung vorantreiben möchte. Erklärtes Ziel ist es, „ein […] soziologisches Männlichkeitskonzept im Anschluss an vorliegende Arbeiten zu formulieren und seine empirische Tragfähigkeit zu untersuchen“ (S. 12). Scholz verortet ihre Forschung in der sozialkonstruktivistischen Perspektive und verknüpft die Ansätze von Raewyn Connell („Hegemoniale Männlichkeit“) und Pierre Bourdieu („Männliche Herrschaft“), die sie ausführlich und gut verständlich darstellt. Dabei geht sie auf die breite Rezeption – insbesondere Connells Theorie ist in den letzten Jahrzehnten zu einer Art Leitkonzept für die internationale Forschung über Männer und Männlichkeiten geworden –, aber auch auf die kritische Auseinandersetzung mit den beiden Konzepten ein.

Scholz orientiert sich an gemeinsamen Arbeiten mit Michael Meuser und formuliert ihr eigenes Männlichkeitskonzept: „Männlichkeit wird […] als eine soziale Relation bestimmt, die sich in einer doppelten Dominanz- und Distinktionslogik bestimmt: gegenüber Weiblichkeit(en) und anderen Männlichkeiten. Analytisch wird zwischen zwei Dimensionen differenziert: hegemoniale Männlichkeit als institutionalisierte Praxis und als generatives Prinzip. Durch die Reproduktion hegemonialer Männlichkeit in diesen beiden Dimensionen konstituiert sich männliche Herrschaft.“ (S. 34) Was Scholz hier als Grundlage ihrer Männlichkeitssoziologie versteht, ist ein Zusammendenken der Konzepte von Herrschaft und Hegemonie, wobei sie Hegemonie intra-geschlechtlich, also zwischen Männlichkeiten, versteht und Herrschaft inter-geschlechtlich, also zwischen Männern und Frauen. Dieses Zusammendenken trägt dazu bei, einige Unklarheiten im immer wieder kritisierten Konzept von Connell zu aufzulösen. Eine solche Klärung ist dringend notwendig und gut brauchbar für weitere Forschung; sie trägt zur Systematisierung der Männlichkeitssoziologie bei.

Ein zentrales Merkmal dieses Buches ist die durchgängige Berücksichtigung der Entwicklung in der alten BRD und der DDR bzw. in Ost- und Westdeutschland. Im zweiten Kapitel bietet Scholz ausgehend von Arbeiten von Peter Wagner (1995) und Irene Dölling (2003) einen umfangreichen Überblick über gesellschaftliche Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland vor und nach der Wende. Besonders lehrreich ist dabei der Blickwinkel auf Modernisierungsprozesse aus der Perspektive der Geschlechterforschung und die Verknüpfung von Arbeiten, die sich eher weniger dem Geschlechterverhältnis zugewandt haben (vgl. etwa S. 42 ff.).

Empirische Untersuchungen über Männer und Männlichkeiten

Zur Vorbereitung der Darstellung ihrer empirischen Studien stellt Scholz zunächst eine unscheinbare, aber absolut berechtigte und theoretisch immer wieder ins Dilemma führende Frage: „Konstituiert alles, was Männer tun, Männlichkeit?“ (S. 52) Im Kapitel 3.1 sucht sie nach einer Antwort und versteht ‚Männlichkeit‘ (im Gegensatz zu ‚Männer‘) als analytische Kategorie und nutzt das Konzept des Geschlechterwissens für ihre Untersuchungen, die sie mit einem qualitativ-rekonstruktiven Zugang betreibt (S. 55; vgl. auch Dölling 1999). Methodologisch neu in dem Forschungsvorgehen der Autorin ist die Einbindung visuellen Materials; sie beschreibt die Bedeutung des sogenannten „iconic turns“ (S. 62) für die Geistes- und Sozialwissenschaften als hilfreich zur Generierung zusätzlicher Daten, die etwas abbilden, was sprachlich/textlich nicht wiedergegeben werden kann. Für die im Buch vorgestellten Untersuchungen hat Scholz mit verschiedenen qualitativen Erhebungs- und Auswertungsmethoden, etwa mit problemzentrierten und narrativen Interviews gearbeitet. Sie orientiert sich an der Grounded Theory, die gewonnenen Daten werden mit der dokumentarischen Bildanalyse nach Bohnsack und mit der Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Diese Verknüpfung von Materialien, Daten und Methoden sieht Scholz als zielführend für die Beschäftigung mit Männlichkeitssoziologie (S. 68) und trägt damit zur Ausdifferenzierung dieser Forschungsrichtung bei.

Nach diesen theoretischen wie methodischen Vorarbeiten wird es nun empirisch. In den nächsten Kapiteln nimmt die Autorin verschiedene ihrer Forschungsprojekte zu Männlichkeit wieder auf und rahmt bereits bekannte Aufsätze neu. Dies ist einerseits in dieser Dichte gut, weil das einen umfassenden Überblick ermöglicht, andererseits birgt es die Gefahr der Wiederholung für diejenigen Leser/-innen, die bereits mehrere Arbeiten von Sylka Scholz gelesen haben. Auch wenn einzelne Ergebnisse in der Wiederholung spannend sind und diese viel zur Entstehung der deutschsprachigen Männlichkeitssoziologie beitragen/beigetragen haben, so sind doch gleichzeitig einige der Forschungsprojekte, die hier vorgestellt werden, schon etwas in die Jahre gekommen – und man wartet teilweise vergeblich auf neuere Auswertungen. Beispielhaft scheint hier die Auswertung von Materialen zur Neuaufnahme von Frauen in die Bundeswehr oder die Untersuchung über den Wahlkampf von Angela Merkel gegen Gerhard Schröder.

Aktueller ist dagegen die in Kapitel 5.5 vorgenommene Analyse der Medienpräsentation von Angela Merkel in ihrer ersten Amtszeit, insbesondere die mediale Darstellung der Bundeskanzlerin im Zusammenhang mit Fußball – Fußball gilt nach wie vor als eine letzte Domäne von Männlichkeit, die (noch) nicht von Frauen eingenommen zu sein scheint. Während sich Gerhard Schröder als „Fußballkanzler“ inszeniert habe, bleibe laut Scholz bei Merkel die Frage, „wie die erste Kanzlerin im Feld des Fußballs visuell präsentiert wurde“ (S. 162). Die Analysen zeigen, dass nie ganz klar ist, ob Merkel als ‚echter Fan‘, als ‚Mutter‘ oder als ‚Frau an der Seite von…‘ wahrgenommen wird. Eine ähnliche Uneindeutigkeit zeigt sich auch bei den Analysen von Merkel ‚auf internationalem Parkett‘ am Beispiel des G8-Treffens in Heiligendamm im Sommer 2007. Der dort präsentierten „Ferienidylle“ (S. 170) stehen die üblichen männlichen Selbstinszenierungen einiger (männlicher) G8-Staats- und Regierungschefs/Präsidenten gegenüber. Insbesondere der russische Präsident Putin und der damalige US-Präsident Bush jr. sind dafür bekannt, dass sie sich gerne als kriegerisch, in Uniform oder als Militärpiloten inszenier(t)en. Darauf geht Scholz in ihren Analysen ein, wenn auch leider – zumindest aus der Sicht der Männlichkeitsforschung – zu wenig. Männlichkeit bleibt in diesem Untersuchungsteil zu sehr ‚das Andere‘, das, was Merkel von ‚den Anderen‘ unterscheidet. In diesem Sinne scheint eben doch (nur?) alles Männlichkeit zu sein, was Männer machen, das, was Frauen machen, jedoch nicht männlich sein zu können – auf einer theoretischen Ebene wäre es hilfreich, über dieses Dilemma noch einmal nachzudenken.

Männlichkeiten im sich wandelnden Arbeitsmarkt

Am stärksten auf Männlichkeit geht die Autorin im vierten Kapitel ein, in dem sie sich mit dem Arbeitsmarkt auseinandersetzt und herausarbeitet, wie sich durch Transformationen des Arbeitsmarktes die Position von Männern und damit verknüpft Männlichkeit(en) verändern. In verschiedenen Studien empirisch untersucht werden hochqualifizierte Männer im mittleren Management eines westdeutschen Großkonzerns, der sich im Umbruch befindet (Kapitel 4.2), hochqualifizierte Akteure im Kultur- und Kunstbereich, die sich selbst als ‚gescheitert‘ bezeichnen (4.3), und junge niedrigqualifizierte Männer auf der Suche nach Möglichkeiten, Paarbeziehung, Elternschaft und Berufstätigkeit zu realisieren und zu verbinden (4.4). Eingeleitet wird dieses Kapitel durch ein Überblick über die Erwerbsintegration von Frauen und Männern in Ost- und Westdeutschland (S. 72). Die Veränderungen der beiden Teilarbeitsmärkte werden so für die Leser/-innen sehr gut nachvollziehbar.

Gewinnbringend für die Untersuchung von Veränderungen der männlichen Position ist zunächst die Auswertung der Daten über Frauen als Familienernährerinnen. Scholz stellt heraus, dass in West- wie Ostdeutschland in ca. jedem fünften Haushalt eine Frau das Haupteinkommen erwirtschaftet, viele von ihnen mit mittleren Bildungsabschlüssen und im Niedriglohnsektor (vgl. S. 77). Dass dies zwangsläufig zu einem Brüchigwerden der Position des männlichen Familienernährers führt, scheint logisch, sei jedoch im öffentlichen Diskurs bisher kaum angekommen. Der Wandel werde nach wie vor als Ausnahme und ‚Notlösung‘ wahrgenommen. Scholz geht davon aus, dass der Umgang mit dieser Situation für Männer besonders schwierig ist, da sich Männlichkeit nach wie vor stark an hegemonialen Vorstellungen einer industriegesellschaftlichen Männlichkeit, also an einer Position als Familienernährer (Westdeutschland) oder mindestens gleichwertiger Partner (Ostdeutschland) orientiert (vgl. S. 82). Ausgehend von den Untersuchungen westdeutscher Facharbeiter stellt die Autorin fest: „Wenn die soziale Anerkennung von Männern […] vor allem auf ihrer Versorgerposition beruht, erklärt sich auch, warum die Transformation des Normalarbeitsverhältnisses für sie so bedrohlich ist“ (S. 89). Es gehe also nicht nur um den Verlust finanzieller Absicherung, sondern auch um den Verlust des Sinns im Leben, wenn Männer arbeitslos werden.

Scholz begibt sich daher (Kap. 4.3) auf die Suche nach Männern, die alternative Phänomene repräsentieren, und findet sie in den beiden Gruppen ‚Club der Polnischen Versager‘ und ‚Show des Scheiterns‘, die seit Ende der 1990er Jahre vor allem in Berlin auftreten und anscheinend ihr ‚Scheitern‘ nicht negativ bewerten. Aus ihren Untersuchungen leitet sie ab, dass die auftretenden Männer dadurch, dass sie ihre gescheiterten Projekte auf der Bühne präsentieren und sich damit als „Projektemacher“ (S. 103) darstellen, eine neue Form von männlicher Berufsbiographie zum Vorbild machen. Dieser Selbstdarstellung unterstellt die Autorin eine Maskulinisierung und damit Aufwertung einer Art zu arbeiten, die eher weiblich konnotiert ist und gleichzeitig dem „Arbeitskraftunternehmer“ (Pongratz/Voß 1998) nahe kommt. In weniger streng organisierten Arbeitsverhältnissen, die auch Raum für Familienarbeit lassen können, sowie in projektförmig gestalteter (Kunst- und Kultur-) Arbeit vermutet sie ein alternatives Männlichkeitskonzept. Sie betont, dass ein Umbruch bisher nicht stattgefunden habe, sich aber durch zunehmendes Brüchigwerden von Erwerbsbiographien durchaus entwickeln könne. Im Zuge der Diskussion um die (angeblich neue) Krise des Mannes in den letzten Jahren regt auch diese Feststellung zu weiteren Untersuchungen an.

Männlichkeit und Militär

Im sechsten Kapitel fragt Scholz nach der Bedeutung des Militärs für die Konstruktion von Männlichkeiten und für die Strukturierung moderner Geschlechterverhältnisse (S. 179). Sie untersucht die beiden deutschen Armeen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Die Besonderheit des Buches – immer auf beide deutschen Teilstaaten einzugehen – kommt auch hier zum Tragen und scheint für dieses Untersuchungsfeld so erstmalig vorgenommen worden zu sein. Für die NVA der DDR weist Scholz aus, dass sie einen expliziten Erziehungsauftrag hatte, indem sie junge Männer zu vollwertigen sozialistischen Staatsbürgern ausbilden sollte (S. 185). Militärische Männlichkeitsideale beinhalteten Tugenden wie Disziplin, Siegeswillen, Gehorsam und andere bis heute als männlich geltende Eigenschaften. Die westdeutsche Bundeswehr dagegen formulierte das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“, den Soldaten wurden damit demokratische Rechte zugestanden. Dort trug außerdem die Einführung des Zivildienstes zur Entwicklung ‚anderer‘ Männlichkeitskonzepte bei, die durchaus näher untersucht werden sollten. Scholz zeigt auf, dass im homosozialen Umfeld des Militärs Männer lernen, mit- und gegeneinander zu kämpfen, und so einüben, mit den „ernsten Spielen der Macht“ umzugehen. Biographisch gesehen wertet sie das „Durchstehen“ des Militärdienstes als einen wichtigen Moment der Identitätskonstruktion und als einen „Nachweis von Männlichkeit“ (S. 208).

Männlichkeit – brüchig, diffus und im Wandel

Das Buch endet mit einem Fazit, in dem Sylka Scholz auf der Grundlage ihrer zahlreichen Studien eine Delegitimierung und Diversifizierung hegemonialer Männlichkeit im vereinten Deutschland feststellt. Sie zeigt, dass zwar „individuelle Männer und ihre biographischen Konstruktionen von Männlichkeit durchaus massiv verunsichert werden können, jedoch männliche Herrschaft und männliche Hegemonie keinesfalls vor einem Zusammenbruch stehen“ (S. 243). Für alle drei untersuchten Felder stellt Scholz fest, dass sich zwar Veränderungen von Männlichkeit und „neue Männlichkeiten“ (S. 244) finden lassen, dass es aber noch keine davon geschafft hat, die neue hegemoniale Männlichkeit zu werden und damit den bekannten Typus hegemonialer Männlichkeit abzulösen. Im Feld der Erwerbsarbeit wird, vor allem bedingt durch hohe Arbeitslosigkeit und zunehmend prekäre Beschäftigung auch von Männern, das männliche Familienernährermodell immer seltener zur empirischen Realität, alternative Modelle jenseits der Erwerbsarbeit finden sich aber bisher kaum. Gleichzeitig scheint die männliche Herrschaft ungebrochen (vgl. S. 247). Nur im politischen Feld wächst der Anteil der (Spitzen-)Politikerinnen, und der einst hegemonial männliche Politikertypus des patriarchalen Herrschers scheint zunehmend unbedeutend zu werden. Für das militärische Feld zeichnet Scholz ein diffuses Bild von Männlichkeit: Während die soldatische Männlichkeit gesellschaftlich an Ansehen verloren hat, wird innerhalb des Militärs der in den letzten Jahrzehnten unbekannte Typ des ‚Soldaten im (Auslands-)Einsatz‘ zu einem neuen Leitbild, welches – auch wenn seit nunmehr zwölf Jahren Frauen in der Bundeswehr ‚dienen‘ – männlich codiert bleibt.

Scholz kommt damit zu dem Schluss, dass nicht einmal in diesen drei männlich konnotierten Feldern eine übergreifende Form von Männlichkeit als Leitbild festgestellt werden kann, also von einer hegemonialen Männlichkeit kaum gesprochen werden kann. Sie geht daher davon aus, dass „verschiedene parallele Konstruktionen von hegemonialer Männlichkeit in unterschiedlichen gesellschaftlichen Machtfeldern auf nationaler Ebene und in globalen Konstellationen unterschieden werden“ müssen (S. 251). Die Frage, ob auf der Grundlage dieser Ergebnisse dann noch von der hegemonialen Männlichkeit gesprochen werden kann, stellt Sylka Scholz leider nicht, obwohl es theoretisch und empirisch sicherlich spannend wäre, zu untersuchen, was passiert, wenn ein alternativer Typus von Männlichkeit hegemonial (oder besser mit Bourdieu: herrschend) werden würde. Dies wäre mit dem Connell’schen Modell erst mal in dieser Begrifflichkeit gar nicht fassbar. Hier wäre es für die Theoretisierung von Männlichkeit wichtig, ganz neue Modelle zu entwickeln.

Fazit

Insgesamt gibt das Buch einen sehr guten Überblick über die Debatten zu Männern und Männlichkeit der letzten Jahre, die die heutige Männer- und Männlichkeitsforschung nachhaltig geprägt haben und beeinflussen. Diesen untermauert Scholz mit (ihren eigenen) empirischen Studien in verschiedenen Feldern, die sie aufbereitet und zu einem durchgängig gut lesbaren Überblicksbuch zusammenfasst. Neu sind daran vor allem diese Breite der Forschungsfelder und die durchgängige Verknüpfung unter dem Gesichtspunkt der Männlichkeitssoziologie. Dies dürfte sich vor allem für diejenigen Leser/-innen als ertragreich erweisen, die auf der Suche nach Überblicksliteratur über Männer- und Männlichkeitsforschung sind.

Für die zahlreichen empirischen Beispiele ist dabei leider jeweils wenig Platz, dafür ist der theoretische und methodische Rahmen, in den die empirischen Studien eingebettet sind, sehr ausführlich dargestellt. Dies ist wohl der Tatsache geschuldet, dass es sich um viele verschiedene Aufsätze handelt, die hier noch einmal zusammengebracht werden. Dies ist in sich nicht schlecht – das Buch sollte allerdings nicht in erster Linie als empirisches Buch gelesen werden. Mir scheint daher der Titel „Männlichkeitssoziologie“ gut gewählt, hier wird tatsächlich dargestellt, was die Soziologie zur Männlichkeit zu sagen hat und wie sie so zur Ausdifferenzierung einer Männlichkeitssoziologie beitragen kann. Für die theoretische Weiterentwicklung bietet das Buch eine gute Grundlage, stellenweise hätte jedoch auch von der Autorin selbst weitergehender argumentiert werden können.

Der sehr gute Überblick wird auch dadurch untermauert, dass hier, wie sonst selten, konsequent die Entwicklung im alten Westdeutschland und in der DDR sowie die unterschiedlichen und gleichen Entwicklung im vereinten Deutschland berücksichtigt werden, ohne Westdeutschland zum Standard zu machen.

Literatur

Dölling, Irene (1999): „Geschlecht“ – eine analytische Kategorie mit Perspektive in den Sozialwissenschaften? In: Potsdamer Studien zur Frauen- und Geschlechterforschung, Jg. 3 (1), S. 17–26

Dölling, Irene (2003): Zwei Wege gesellschaftlicher Modernisierung. Geschlechtervertrag und Geschlechterarrangements in Ostdeutschland in gesellschafts-/modernisierungstheoretischer Perspektive. In: Knapp, Gudrun-Axeli/Wetterer, Angelika (Hg.): Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 73–100

Pongratz, Hans/Voß, G. Günther (1998): Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 50 (1), S. 131–158

Wagner, Peter (1995): Soziologie der Moderne. Freiheit und Disziplin. Frankfurt a. M./New York: Campus

Dr. Anna Buschmeyer

Ludwig-Maximilians-Universität München

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie

Homepage: http://www.gender.soziologie.uni-muenchen.de/personen/wiss_ma/buschmeyer_anna/index.html

E-Mail: anna.buschmeyer@soziologie.uni-muenchen.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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