Popkultur und Wissenschaft – Die fluide Geschlechtlichkeit von Vampiren

Rezension von Hannah Bölling

Marcus Recht:

Der sympathische Vampir.

Visualisierungen von Männlichkeiten in der TV-Serie Buffy.

Frankfurt am Main u.a.: Campus Verlag 2011.

338 Seiten, ISBN 978-3-593-39421-3, € 34,90

Abstract: Marcus Recht leistet als einer der ersten deutschsprachigen Autoren eine ausführliche Analyse der besonderen Darstellung alternativer Geschlechtlichkeit in der TV-Serie Buffy. Mit Hilfe ausführlicher wissenschaftlicher Methodik zeigt Recht auf, dass die Serie sowohl soziale Konstrukte analysiert, widerspiegelt und karikiert als auch eine alternative Geschlechtlichkeit etabliert, welche die männlichen Vampire in einen zur Zeit der Serienausstrahlung gänzlich neuen Gender-Kontext stellt. Viele weitere klassische filmsoziologische Theorien zu Gender-Konstruktion und -Darstellung werden kritisch aufgegriffen und in die Analyse einbezogen. Eine gute Grundlage für Einsteiger/-innen als auch für Kenner/-innen des Feldes, um sich mit dem wissenschaftlichen Potential des popkulturellen Feldes auseinanderzusetzen.

Die blonde Heldin

Bei vielen weckt der Titel der TV-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen nicht mehr als eine schwache Erinnerung an das blonde Mädchen, das Vampire jagt und Teenager-Probleme hat. Doch die Fortsetzungsserie, die in den USA und auch in Deutschland Ende der 1990er Jahre in 144 Folgen ausgestrahlt wurde, nimmt für den popkulturellen Bereich der Gender-Studies eine prägende Rolle ein. Das Feld der ‚Buffy Studies‘, das sich seit 2001 entwickelt, beschäftigt sich wie Marcus Recht in dieser Veröffentlichung seiner Dissertation mit den kulturellen, linguistischen und genderspezifischen Strukturen der Serie. Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage nach der Konstruktion einer alternativen Sexualität und Gender-Wahrnehmung innerhalb der Serie. Dabei ist zu beachten, dass es um Charaktere in einer Serial geht, die sich – im Gegensatz zur Series dadurch auszeichnet, dass Handlungen episodenübergreifend sind und die Charaktere sich weiterentwickeln: von gut zu böse, von aktiv zu passiv, von hetero zu homo (S. 12). Auch die Selbst-Referentialität der Serie, die oftmals bewusst mit Genre und Format spielt, trägt zur Verwischung sozial konstruierter Grenzen bei.

Rechts analytische Methodik und der Twilight-Boom

Zu Beginn stellt Recht einführend den Serienkosmos mit Genre, Entstehung und Charakteren vor. Die blonde Protagonistin Buffy bietet selbst schon Stoff für Diskussionen des „‚Second Wave‘-Feminismus“ (S. 11), da sie einerseits aufgrund ihrer extremen Widersetzung gegen herkömmliche Strukturen und ihrer Durchsetzungskraft in einer patriarchalischen Welt als feministisches Rollenmodell gesehen werden kann, andererseits jedoch durch ihr sehr klassisch-feminines Auftreten nach Meinung der Kritiker der Serie zum fixierten Objekt für den Betrachter wird.

Dem Autor dienen jedoch bei der Bearbeitung seiner Frage nach der Konstruktion von Gender-Identitäten in der Serie zwei vampirische Protagonisten als Beispiele zur abweichenden Geschlechtlichkeit. Recht ist der Meinung, dass in den Methoden der bisherigen Untersuchungen eine Vernachlässigung der „visual literacy“ (S. 31) vorliegt, im Gegensatz zu Techniken im Umgang mit dem sprachlichen System. Die visuellen Materialien hätten aber an unserer Wahrnehmung einen Anteil, der jenseits der Narration liegt, weshalb eine Entschlüsselung dieser uns beeinflussenden, visuellen Faktoren wichtig sei. Hierfür wird auf der Grundlage von Erwin Panofskys Termini aus Ikonographie und Ikonisierung sowie eines Analysetableaus von Birgit Richards, Dozentin für Kunstpädagogik, nebst eigener Ergänzungen eine umfangreiche Methodik genutzt, die zu einem Analysewerkzeug wird, mit dem der Autor seine Thesen zu belegen versucht.

Da in einem Bild im Gegensatz zum linearen Text der Zustand der Gleichzeitigkeit herrscht (S. 32), benutzt Recht einen Katalog von bildbasierten Faktoren, um die ausgewählten Szenen zu untersuchen. Er beginnt mit einer kurzen Einbettung der Bild-Sequenzen in den Handlungsstrang und wählt jeweils einige Standbilder aus, die er für die Schlüsselbilder der jeweiligen Sequenz hält. Nach einer detaillierten Bildbeschreibung, die sämtliche visuellen Kompositionen wie etwa Licht, Umgebung, Körpersprache, Proportionen und technische Mittel umfasst, beginnt in Rechts Methodik die Bildanalyse, bei der er sich auf ikonographische Faktoren konzentriert und dabei Verknüpfungen zu bekannten psychologischen und symbolischen Themen zieht. Mit der Frage nach der Bildaussage folgt dann der letzte Schritt der Bildinterpretation. Dieses Vorgehen scheint im Verlauf des Buches an vielen Stellen sehr passend, durch seine Ausführlichkeit jedoch punktuell fast schon zu analytisch. Zwar weist der Autor darauf hin, dass zur Vermeidung eines zu großen Analyse-Textes das Schema je nach Szene themenspezifisch verdichtet wird, an einigen wenigen Stellen verliert sich er jedoch in sehr eigenen Interpretationsansichten, die nicht immer ganz schlüssig erscheinen. Dies tut der gesamten Plausibilität seiner Vorgehensweise und von deren Ergebnissen jedoch keinen Abbruch.

Vor der tatsächlichen Betrachtung der Charaktere gibt Recht einen sehr aktuellen Überblick über die Thematik des ‚sympathischen Vampirs‘ an sich, beginnend mit populären literarischen Beispielen wie den Vampir-Chroniken von Anne Rice. Dass sich Zuschauer/-innen mit Vampir-Figuren identifizieren, wenn diese menschliche, moralische, sogar romantische Züge annehmen, zeigt Recht an weiteren filmischen Beispielen wie Blade – The Series, Twilight, True Blood und The Vampire Diaries.

‚Alte‘ und ‚Neue‘ Männlichkeit – Der feminine Vampir

Das abweichende Geschlecht der Vampire in Buffy wurde schon von der britischen Wissenschaftlerin Lorna Jowett (Sex and the Slayer - A Gender Studies Primer for the Buffy Fan. Wesleyan University Press 2005) untersucht. Während diese dabei eine Unterteilung der Serien-Charaktere in ‚Real Man‘ und ‚New Man‘ vornimmt, also solche männlichen Rollen, die auf dem stereotypischen Männerbild basieren, und solche, die in der Entwicklung der Serie eine neue Form emotionaler Männlichkeit etablieren, kritisiert Recht diese Sichtweise. Ihm zufolge suggeriert ‚Real Man‘ eine echte bzw. natürliche Form von Männlichkeit, die wiederum alle anderen Männlichkeiten als künstlich festsetzt (S. 40). Er führt eine bimodale Unterteilung in „alte und neue Männlichkeiten“ (S. 41) ein. Die machohafte, aktive, brutale und fast schon monströse alte Männlichkeit stehe gegen die neue, fluide und passive Männlichkeit, die sich durch Emotionalität und Verletzbarkeit auszeichne sowie weitere Eigenschaften vereine, die üblicherweise Frauenrollen zugeschrieben würden. In diesem Kontext ist eine der Thesen des Autors, dass die zu untersuchenden Charaktere der Vampire erst durch ihren Status als Andere in der Lage sind, die klassische Gender-Verortung zu durchbrechen. Sie sind also als sympathische Vampire „feminin gegendert“ (S. 43). Die Änderung der Begrifflichkeit bei Recht ist definitorisch zwar einleuchtend, scheint sich aber nur in der Formulierung von Jowetts Begrifflichkeiten zu unterscheiden.

Für die Gender-Analyse des Bild-Sujets wählt der Autor eine visuelle Trias: die geschlechtsspezifische Kleidung, der männliche Körper an sich in seiner Präsentation und geschlechtsspezifischen Geschaffenheit und die Blicke („Gaze“, S. 64), die voyeuristisch und sexualisiert von den weiblichen Charakteren auf die Vampire geworfen werden. Diese Eingrenzung der Aspekte ist sehr passend für den Kontext der Analyse.

James Dean und Sid Vicious – Rechts Untersuchung der ‚Kleidungsgenese‘

Anhand dieser Trias untersucht Recht den draufgängerischen Spike und den emotionalen und gebrochenen Angel. Eine gut getroffene Charakterauswahl, denn die beiden Figuren könnten zu manchen Zeiten der Serie nicht gegensätzlicher sein. Als über 200 Jahre alter, mysteriöser und anziehender Vampir ist Angel der am meisten sexualisierte männliche Charakter der Serie – bis Spike auftaucht. Sehr detailliert untersucht Recht seinen Kleidungsstil und dessen Genese, vom dandyhaft schwarzen Samt bis hin zum Herrenanzug (S. 121). Mit zahlreichen Bildern aus der Serie unterlegt Recht seine Analyse, in der er Anzüge als klassisch-bürgerlichen Maskulinierungs-Mechanismus sieht. In weiteren Kapiteln über den tragischen 1950er Jahre Angel mit roter Lederjacke nach James Dean und als maskulinen Superhelden mit wehendem Mantel zeigt sich jedoch die starke Formalisierung von Rechts Methodik, da seine Ausführungen zwar bei schrittweiser, genauer Analyse der visuellen Darstellung logisch scheinen, die Szenen an sich auf den durchschnittlichen Zuschauer der Serie jedoch nicht unbedingt so wirken müssen.

Einleuchtender erscheint die Analyse des Vampirs Spike. Dieser verkörpert – im Gegensatz zum moralischen zerrissenen Angel – die klassische Maskulinität. Er ist brutal, raucht, trinkt und tritt prinzipiell nur in Ledermantel und mit markigen Sprüchen auf. Die oszillierende, fluide Geschlechtlichkeit dieses Charakters zeigt Recht durch mehrere sehr treffend gewählte Aspekte auf. Auch der Vergleich zu dem populären Punk-Musiker Sid Vicious wird vom Autor plausibel und mit passenden visuellen Belegen aus der Serie deutlich gemacht. Zudem macht Spikes Beziehung zu seiner langjährigen Freundin Drusilla, die auf extremer Abhängigkeit und Emotionalität basiert, ihn durch diese beiden extremen Seiten zu einer hybriden Form der Theorie des ‚Real Man‘ und ,New Man‘. Besonders für Nicht-Kenner von Buffy ist dieses Kapitel eine gute Einführung in den wissenschaftlichen Aspekt der Serie und grundlegend für die folgenden Kapitel. In diesen wird unter anderem auf die Nacktheit und Darstellung der Körper der beiden Charaktere eingegangen.

‚Love’s Bitch‘ und rosa Motorradhelm – ‚Male Gaze‘ und Demaskulinisierung

Besonders auch der letzte Punkt der Trias ist ausschlaggebend für Rechts Bearbeitung des Themas. Während nach der Feministin und Filmsoziologin Laura Mulvey der klassische ‚Male Gaze‘ der Filmsoziologie auf die Frau als Objekt nicht polar ist zum ‚Female Gaze‘ auf den Mann, da dieser resistent gegen eine solche Position ist, will Recht vor allem in Kapitel V zeigen, dass diese Blickhierarchie in Buffy unterwandert wird. Nach Mulveys Theorie basiert der aktive Subjektstatus des Mannes, der vor allem in den Hollywood-Filmen der 1930er bis 1950er Jahre existiert, ausschließlich auf einer Kastrationsangst – ein Punkt, den Recht kritisiert und im folgenden ergänzt, indem er einen kurzen Überblick über die Entwicklung von Psychosexualität gibt.

Doch am prägnantesten tragen wohl die Anschauungen Rechts zur Demaskulisierung in der Serie zum Verständnis und zur wissenschaftlichen Analyse des Themas bei. Denn in kaum einer Serie wird die bewusst aufgebaute, sexualisierte und hybride Männlichkeit gleichzeitig so sehr parodiert wie in Buffy und Angel, einem Ableger der Serie: Rosa Motorradhelme, Angel als groteske, tapsige Stoffpuppe, sein Versuch, ein Baby durch Herumalbern und Grimassen aufzumuntern, Angel mit Kinderwagen als Vater und Superdetektiv zugleich. Noch offensiver ist die Demaskulisierung bei Spike, wie etwa in einer Szene, in der er versucht, einen weiblichen Hauptcharakter zu beißen, es aufgrund eines Chips in seinem Kopf aber nicht kann und aufgrund dessen ein fast schon lächerlich stereotypisches Gespräch entsteht – ‚das ist mir noch nie passiert‘. Der extrem fluide geschlechtliche Charakter wird von Recht sehr treffend an einem exemplarischen Satz aus der Serie belegt: „I may be love’s bitch, but at last I’m man enough to admit it.“ Diese in den Buffy-Studies oft aufgegriffene Aussage fasst sehr treffend die Grundlage des Diskurses als geschlechterübergreifende Brechung der klassischen Rollenklischees zusammen.

Fazit

Insgesamt ist das Werk Rechts, das in filmwissenschaftlicher und -soziologischer Betrachtung den für die Geschlechterforschung ertragreichen Charakter dieser popkulturellen Serie herausstellt, eine der bemerkenswertesten und neuesten Betrachtungen des Themas. Der bisherige Forschungsstand und andere Theorien werden an vielen Stellen aufgegriffen und weitergedacht. Sowohl für Kenner/-innen der Serie als auch für skeptische Einsteiger/-innen bietet dieses Buch eine wissenschaftlich fundierte und aufschlussreiche Analyse, deren Ergebnis sich nach Wunsch des Autors hoffentlich auch bald in anderen männlichen Rollenbildern der Medienlandschaft zeigt.

URN urn:nbn:de:0114-qn:1026:6

Hannah Bölling

Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen

Studentin der Politischen Wissenschaft und der Literaturwissenschaften

E-Mail: hannah.boelling@rwth-aachen.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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