Motive weiblicher Genitalverstümmelung auf dem Prüfstand

Rezension von Maria Scholze

Janne Mende:

Begründungsmuster weiblicher Genitalverstümmelung.

Zur Vermittlung von Kulturrelativismus und Universalismus.

Bielefeld: transcript Verlag 2011.

208 Seiten, ISBN 978-3-8376-1911-9, € 28,80

Abstract: Janne Mende legt in ihrer ambitionierten Publikation eine eigenständige, dialektische Verhältnisbestimmung von Universalismus und Kulturrelativismus vor. Diesen konzeptuellen Part verbindet sie mit einer detailreichen und kritischen Analyse der zentralen Argumentationslinien um die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung. Dabei hebt sich das übersichtlich gestaltete und stets begründend vorgehende Buch in methodischer Hinsicht von bisherigen Abhandlungen beider Themenkomplexe ab, lässt allerdings Zweifel hinsichtlich der Konstruktion des Widerspruchsverhältnisses offen. Als besonderes Verdienst lässt sich vor allem der umfassende und differenzierte Einblick in historische und aktuell vorherrschende Debatten auszeichnen.

Die Frage nach der Rechtmäßigkeit weiblicher Genitalverstümmelung ist auch heute noch umstrittener, als man gemeinhin vermutet. So halten zwar beispielsweise die WHO, Unicef, Unifem oder Amnesty International diese kulturelle Praxis einstimmig für ablehnenswert und bemühen sich um deren Abschaffung. Dennoch gibt es – auch im wissenschaftlichen Diskurs – Stimmen, die sich dezidiert gegen eine kulturimperialistische Einmischung des Westens aussprechen und das besondere Recht auf eine eigene Kultur einfordern. Die gewichtige Frage jedoch, wie man zu einem angemessenen Umgang mit kulturellen Differenzen gelangen kann, bleibt zumeist ungeklärt.

Vor diesem Hintergrund verfolgt die Politikwissenschaftlerin und Ethnologin Janne Mende in ihrem aktuellen Buch ein doppeltes Erkenntnisinteresse. Einerseits setzt sie sich gründlich mit den aktuellen sowie den historischen Debatten um die weibliche Genitalverstümmelung auseinander und positioniert sich entschieden gegen diese Praxis. Andererseits begibt sie sich in das Spannungsfeld von Universalismus und Kulturrelativismus, um die Fallstricke beider Seiten konzeptuell aufzulösen. Dabei werden beide Themenkomplexe auf systematische und gleichberechtigte Weise miteinander verknüpft.

Mendes Vorhaben gliedert sich in drei Schritte: Im ersten Kapitel rekonstruiert sie zunächst die Genealogie von Kulturrelativismus und Universalismus, um darauf aufbauend ein dialektisches Verhältnis beider Positionen zu erarbeiten. Im umfangreichen zweiten Teil konkretisiert die Autorin die widerstreitenden Konzepte anhand der zentralen Argumentationsmuster von Befürworter/-innen und Gegner/-innen der weiblichen Genitalverstümmelung. Innerhalb dieser kulturrelativistischen und universalistischen Perspektiven unterscheidet Mende „repressive“ und „emanzipatorische“ Elemente. Jene integriert sie schließlich im Schlusskapitel und beansprucht so, eine „vermittlungslogische“ Herangehensweise zu entwerfen, welche „universalistisch den Wert der Verringerung individuellen Leidens auszuweisen erlaubt, dies gesellschaftstheoretisch absichert, dabei kontextsensibel und historisch vorgeht und die Gefahr, selbst in eine statische und repressive Konzeption zu entgleiten, reflexiv aufnimmt“ (S. 11). Dies soll als Grundlage einer reflexiven Sozial- und Geschlechterforschung dienen.

Die Dialektik von Universalismus und Kulturrelativismus

Um zunächst die Charakteristika universalistischer und kulturrelativistischer Ansätze offenzulegen, zeichnet die Autorin deren Entstehungshintergrund von frühen radikalen bis hin zu modernisierten und durchaus subtileren Formen nach. Im Rahmen dieser Betrachtungen gelingt ihr eine konzise und informative Einführung in grundlegende Argumentationsverfahren und Schwachstellen beider Perspektiven, indem historische Betrachtungen gekonnt mit Literatur zur ethnologischen Metakritik verwoben werden. Dafür greift sie kleinteilig auf die zahlreichen ethnologischen und anthropologischen Metadebatten ab 1887 zurück, anstatt sich auf einzelne Autoren oder Theorien zu beschränken. Ein Manko ist allerdings, dass die Ausführungen seitens des Kulturrelativismus lediglich bis in die 1990er Jahre reichen, die gegenwärtige Diskussion jedoch nicht genauer charakterisiert wird.

Während im Vollzug dieser Ausführungen eine oberflächliche Dichotomie beider Herangehensweisen zurückgewiesen werden kann, nimmt Mendes eigene, „vermittlungslogische“ Perspektive auf den dialektischen Widerspruchsbegriff Hegels und der Kritischen Theorie Bezug. So stellt sie eine Negation des Universalismus in sich selbst fest, nämlich „die Notwendigkeit konkreter und spezifischer Umsetzungen“ (S. 56). Zudem charakterisiert sie „die Zulassung von Gemeinsamkeiten und Universalien“ (ebd.) als die innere Negation des Kulturrelativismus. Damit würden beide Seiten aufeinander verweisen. So innovativ Mendes Vorhaben auf formaler Ebene auch ist, bleibt doch ein letzter Zweifel bestehen, ob tatsächlich ein Widerspruchsverhältnis vorliegt. Indem gezeigt wurde, dass ein statisches radikales Bild eines herrschaftsblinden Universalismus und eines maßstabslosen Kulturrelativismus veraltet ist, und die „inneren Negationen“ noch zuvor als ein unproblematischer und selbstverständlicher Teil der jeweiligen modernen Herangehensweisen geschildert wurden, scheint ohnehin die Prämisse des strikt antinomischen Konzepts untergraben.

Konkrete Begründungsdimensionen weiblicher Genitalverstümmelung

Mendes konzeptuelle Verhältnisbestimmung soll anschließend konturiert und erweitert werden, indem konkrete Widersprüchlichkeiten sowie Problempunkte beider Pole innerhalb der Debatten um die weibliche Genitalverstümmelung aufgezeigt werden. Wie bereits der Buchtitel verrät, wird auf die Betrachtung intersexueller und männlicher Genitalverstümmelung verzichtet. Um der eigenen proklamierten Forderung nach Kontextsensibilität konsequent nachzukommen, wählt die Autorin im weiteren Textverlauf den Begriff der ‚Exzision‘, wörtlich also ‚Ausschneidung‘, was weder relativierend noch verurteilend wirken soll.

Nach einem kurzen Überblick über Verbreitung und Formen dieser kulturellen Praxis widmet sie sich den wichtigsten Argumentationsfiguren der ethnologischen Forschungsdebatte. Hierfür setzt sich Mende nicht nur intensiv mit den Ethnologinnen Ahmadu und Obermeyer auseinander, sondern bezieht sich vor allem auf eine umfangreiche und breite Sammlung von historischen und aktuellen Theorien aus dem Zeitraum von 1965 bis 2010, die durch zahlreiche empirische Studien ergänzt werden. In großem Umfang werden die sowohl universalistisch als auch kulturrelativistisch geprägten Positionen anhand vier zentraler Gesichtspunkte erörtert: dem des Gegenkolonialismus, der Gesundheit, der kulturellen Rechte und des freien Willens. Diese bezeichnet die Autorin als die „zentrale[n] Argumentationslinie[n]“ (S. 66) und „basale[n] Perspektive[n]“ (S. 115). Darüber hinaus wird die Auswahl dieser vier heterogenen Ebenen allerdings nicht hergeleitet.

Mendes Nachzeichnung der Diskussion um kulturelle Rechte sowie die Aufnahme feministischer und gegenkolonialer Problematisierungen sind deswegen ergiebig, weil sie kritisch veraltete und verkürzte Perspektiven in den Fokus rücken und unter anderem eindringlich auf die Problematik dichotomisierender Zuschreibungen und statischer Konzepte von Kultur und Identität aufmerksam machen. Ebenso fordert Mende stets die Beachtung der ökonomischen, sozialen und historischen Bedingtheit der Genitalverstümmelung. Somit kann sie beispielsweise die Vergleiche von Genitalverstümmelung mit Schönheitsoperationen oder Kaiserschnitten als „dem Anspruch auf Kontextualisierung direkt entgegen[stehend]“ (S. 80) und herrschaftsblind ablehnen. Aus dem Unterkapitel zur gesundheitlich-sexuellen Perspektive hingegen ist erwähnenswert, dass die Autorin nicht nur auf einer Auseinandersetzung mit den „Konstitutionsbedingungen einer heteronormativen Sexualität“ (S. 92) besteht, sondern sich auch mit methodologischen Fragen der Datengewinnung auseinandersetzt.

Den Schwerpunkt der Ausführungen jedoch stellt die Debatte um den freien Willen dar, mit dessen Begriff sowohl ablehnende als auch affirmative Positionen operieren. Laut Mende argumentieren zumeist universalistisch geprägte Gegner/-innen der Praxis, dass hier gegen den Willen der betroffenen Mädchen und Frauen gehandelt wird. Für die Befürworter/-innen hingegen „ist die Behauptung eines Konsenses ein ebenso starkes Argument“ (S.115). Die Autorin arbeitet an dieser Stelle sieben Begründungsmuster seitens der Befürworter/-innen der Genitalverstümmelung heraus und analysiert, dass die Praxis auf mehren Ebenen der Herstellung kollektiver Identität dient.

Da auf der anderen Seite den Verweigerinnen der Genitalverstümmelung sozialer und ökonomischer Ausschluss drohe und damit keine echte Handlungsalternative geboten sei, kommt sie zu dem Zwischenfazit, dass hier keineswegs von einem freien Willen gesprochen werden kann – ein Ergebnis, das für Mendes sonstige Vorgehensweise ungewöhnlich homogenisierend ausfällt.

Schließlich veranlassen die dem Phänomen zugrundeliegenden asymmetrischen und repressiven Geschlechts- und Herrschaftsverhältnisse, die herausgearbeitete Alternativlosigkeit und die dokumentierten gesundheitlichen Schäden die Autorin dazu, die Praxis der Exzision abzulehnen. Insgesamt löst sie in diesem Teil des Buches ihr eigenes Ziel ein, kein bloß abstraktes, zu kurz greifendes Urteil zu fällen.

Das Konzept des „vermittlungslogischen Universalismus“

Auf konzeptueller Ebene schließlich lautet der Zugewinn des zweiten Kapitels: Neben einer Verquickung des kulturrelativistischen und universalistischen emanzipatorischen Potentials (beispielsweise die Reflexion der eigenen Positionierung, beziehungsweise ein ermächtigender Impetus der Menschenrechte) ist Mende zufolge vor allem ein normativer Maßstab unabdingbar. „Ohne die Reflexion auf eine moralphilosophische Dimension, die begründen kann, warum eine Abschaffung von Leiden dessen Perpetuierung jederzeit vorzuziehen ist, werden die benannten Einseitigkeiten nicht zu überwinden sein“ (S. 84). Mit dieser These begründet sie im Schlusskapitel schließlich eine Asymmetrie im Gegensatzverhältnis zugunsten der „Präponderanz“ des Universalismus. In diesem Rahmen bilden „Individualität, Autonomie und Reflexionsmöglichkeiten […] zentrale Kriterien für einen möglichen universellen Maßstab“, außerdem individuelle Freiheit (S. 174). An dieser Stelle versäumt es Mende allerdings, die ethischen Kernbegriffe gesondert zu reflektieren oder die zugrundeliegenden Theorietraditionen zu klären. Somit erweisen sich die Verringerung des Leidens und der freie Wille als Parameter, die normativ äußerst voraussetzungsvoll sind und deren Grundlage nicht weiter hinterfragt wird.

Wie sich dieser „vermittlungslogische Universalismus“, den die Autorin als den praktischen Ausgangspunkt einer reflexiven Sozialwissenschaft und Geschlechterforschung konzipiert, schließlich in concreto von anderen, ‚lediglich‘ integrativen Ansätzen unterscheidet, wird nicht gänzlich ersichtlich. An keiner Stelle zieht sie den Vergleich zu anderen gelingenden Vorgehensweisen.

Fazit

Wie gezeigt wurde, bleibt das vorliegende Buch durchaus methodischen Unklarheiten verhaftet. Vor allem die Konzeption und Umsetzung des Vermittlungsverhältnisses kann insofern nicht überzeugen, als dem/der kritischen Leser/-in nicht plausibel wird, warum tatsächlich ein dialektisches Widerspruchsverhältnis zwischen Kulturrelativismus und Universalismus besteht. Dies wirkt überzeichnet, sofern nicht nur statische Varianten beider Standpunkte in den Blick genommen werden.

Die Schwächen des methodischen Fundaments der Arbeit können jedoch insoweit wettgemacht werden, als der zweite große Themenkomplex sowie das didaktische Anliegen des Buches unbeschadet umgesetzt und erfolgreich eingelöst werden. Zum einen vermag es Mende im zweiten Teil des Buches, den eigenen Ansprüchen hinsichtlich der Positionierung gegenüber der weiblichen Genitalverstümmelung zumeist gerecht zu werden, eigenständig eine nicht-repressive Betrachtungsweise anzuwenden und sich gegenüber tradierten Totschlagargumenten zur Wehr zu setzen. Zum anderen gelingt es der Autorin im Verlaufe der Untersuchung, die Sensibilität bezüglich der Stärken und Schwächen kulturrelativistischer und universalistischer Zugangsweisen zu schärfen. Dabei ermöglichen eine klare Struktur, das Einweben methodologischer Hinweise und eine verständliche Sprache stets eine gute Übersicht und gestalten die Lektüre angenehm. Somit handelt es sich um ein lohnenswertes Buch für diejenigen Ethnolog/-innen und Sozialwissenschaftler/-innen, welche sich einen umfassenden wie kritischen Einblick in die Argumentationsstrategien der Genitalverstümmelung verschaffen wollen.

URN urn:nbn:de:0114-qn:1015:5

Maria Scholze

Freie Universität Berlin

Studentin des Masterstudienganges Philosophie

E-Mail: maria.scholze@fu-berlin.de

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