Leben und Arbeiten in der Sex-Ökonomie als Migrantin

Rezension von Veronika Ott

Maritza Le Breton:

Sexarbeit als transnationale Zone der Prekarität.

Migrierende Sexarbeiterinnen im Spannungsfeld von Gewalterfahrungen und Handlungsoptionen.

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011.

241 Seiten, ISBN 978-3-531-18330-5, € 39,95

Abstract: Sexarbeiterinnen selbst kommen in empirischen Studien zu Migration und Sexarbeit selten zu Wort. In ihrer Dissertation gelingt Maritza Le Breton jedoch genau das, sie schafft einen Raum für ansonsten (epistemologisch) marginalisierte Akteurinnen. Ihr Ziel ist es, deren tatsächliche (Gewalt-)Erfahrungen sowie Lebens- und Arbeitssituationen in den Blick zu nehmen und auszuarbeiten, um so wichtiges Adressatinnen-Wissen für die Soziale Arbeit zugänglich zu machen. Auf der Basis von 21 problemzentrierten Interviews mit migrierten Sexarbeiterinnen, die in Basel/Schweiz in Kontaktbars oder Salons arbeiten, stellt sie Gewaltverhältnisse und Machtkonstellationen in der Sexökonomie sowie Handlungsoptionen der Sexarbeiterinnen dar.

Politische wie wissenschaftliche Debatten um Migrantinnen in der Prostitution sind oft von Dichotomien wie Selbstbestimmung versus Zwang oder patriarchale Ausbeutungsverhältnisse versus Erwerbstätigkeit geprägt. Maritza Le Breton gelingt es in ihrer qualitativen Studie, diese Polarisierungen nicht zu reproduzieren, sondern in den konkreten Erfahrungen von migrierten Sexarbeiterinnen die Ambivalenzen und Gleichzeitigkeiten von Gewalterfahrungen und Handlungsspielräumen zu fokussieren. Anstatt in viktimisierende und einseitige Darstellungen zu verfallen, wendet sich die Autorin den heterogenen „Erfahrungszusammenhängen der Subjekte und dem daraus resultierenden Wissen“ zu (S. 26). Dieses Wissen sieht sie als wichtige empirische Grundlage für professionelles Handeln und richtet sich damit mit ihrer Studie vor allem an die Soziale Arbeit und das Feld der Adressatinnen-Forschung.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert: eine thematische Einleitung und die Herleitung der Fragestellung, die Kontextualisierung des Phänomens der Sexarbeit in transnationaler Migration, das Herausarbeiten von Theorien zu sozialer Ungleichheit und zu Handlungsfähigkeit als Analyserahmen, die Darstellung und Diskussion der empirischen Ergebnisse zu Gewaltverhältnissen und Handlungsstrategien von migrierten Sexarbeiterinnen und schließlich das Fazit.

Im Spannungsfeld von Migration, Prostitution und Gewalt

Um Sexarbeit in transnationaler Migration zu charakterisieren, benennt Le Breton gesellschaftliche Machtkonstellationen, die Erfahrungen und Lebenspraxen von migrierten Sexarbeiterinnen beeinflussen, nämlich Strukturen der Migration und der Prostitution sowie Gewalt. Ausgehend von einer sehr allgemeinen Verhältnisbestimmung von Migration, Feminisierung der Migration und Prostitution als eine ethnisierte Nische im europäischen Arbeitsmarkt geht die Autorin detaillierter auf migrationspolitische und aufenthaltsrechtliche Bestimmungen in der Schweiz ein. Ebenso führt sie nach einem Abriss zur Geschichte von Prostitution und zu politisch-ideologischen Positionen zu Prostitution in den schweizerischen Kontext ein und arbeitet konkrete Prostitutionspolitiken und -bereiche, wie Straßenprostitution, Studio-/Salonprostitution und Rotlicht-/Kontaktbars, in Basel heraus. Zum Thema Gewalt erfolgt eine Abhandlung von Definitionen von Gewalt im allgemeinen über Gewalt gegen Frauen hin zu Gewalt in der Sex-Ökonomie und an Sexarbeiterinnen.

Die drei Themenkomplexe Migration, Sexarbeit und Gewalt bleiben dabei in diesem Teil des Buches vage und unverbunden nebeneinander stehen. Gerade bei den allgemeineren Diskussionen wird der Bezug und die Relevanz für die Fragestellung, die Situation migrierter Sexarbeiterinnen in Basel zu erfassen, nicht expliziert und damit leider auch nicht klar. Die konkreten und spezifischeren Ausführungen zur Schweizer Migrationspolitik, zur Baseler Sex-Ökonomie und zu Studien über Gewalt in der Sex-Ökonomie hingegen spiegeln einen differenzierten Kenntnisstand wider und leisten, wie angekündigt, eine Charakterisierung des Phänomens.

Handlungsfähigkeit im Kontext sozialer Ungleichheit

Anschließend entwirft Le Breton den theoretischen Kontext, in dem sie ihre Arbeit verortet. Zum einen knüpft sie an Theorien sozialer Ungleichheit unter einer intersektionalen Perspektive an. Sie stellt fest, dass sich „[i]m Kontext von Sexarbeit und Migration […] die Kategorien Geschlecht, Nationalität und/oder Rassisierung und Ethnisierung als Markierer resp. Platzanweiser für Grenzen und Konstruktionen des Ein- und Ausschlusses“ (S. 104) äußern. Handlungsfähigkeit, agency, sieht die Autorin als zweites zentrales Konzept ihrer Arbeit, um mit Rückgriff auf Giddens’ Strukturationstheorie die Wechselwirkungen zwischen Handlung und Struktur, den gleichzeitig ermöglichenden und einschränkenden Charakter von Struktur und somit „die – limitierten – Handlungsmöglichkeiten von migrierenden Sexarbeiterinnen“ (S. 109) erfassen zu können.

Diese theoretischen Verortungen sind vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit Gewalterfahrungen und Handlungsoptionen schlüssig und überzeugend, die Studie lässt sich somit in das Feld der Sozialen Arbeit integrieren. Die Herstellung eines theoretischen Bezugsrahmens für die empirische Untersuchung glückt jedoch weniger. Weder werden Ansätze zur Erklärung sozialer Ungleichheit und Konzepte von Handlungsfähigkeit zusammengebracht, noch werden forschungsleitende Annahmen formuliert, welche als strukturierende Analyseperspektive auf das empirische Phänomen eingenommen werden könnten.

Vom Rand in den Fokus: Arbeitsrealitäten migrierter Sexarbeiterinnen

Methodisches Vorgehen und Ergebnisse der empirischen Untersuchung sind Gegenstand von Teil vier. Neben der Darstellung des Datenmaterials und der Auswertungsmethode nach der Grounded Theory beschreibt die Autorin den Feldzugang und die Interviewsituation mit den Sexarbeiterinnen. Dies stellt sicher eine der großen Herausforderungen und Leistungen dieser Studie dar: In Kooperation mit Sozialarbeiterinnen einer Beratungsstelle für Frauen in der Sexökonomie und in Zusammenarbeit mit Mediatorinnen gelingt es der Autorin, Interviews mit 21 Sexarbeiterinnen vorwiegend in deren Erstsprache zu führen. Das Besondere ist, dass die Bedeutung dieser Kooperationen für die Fallauswahl, die Interviewsituation und damit letztendlich für das empirische Material als Basis der Analyse genau reflektiert wird.

Bei der anschließenden Darstellung der Ergebnisse präsentiert Le Breton vier Biographien, die sie nach geographischer Herkunft, Aufenthaltssituation, Erfahrungshintergrund, Gewalterlebnissen und Handlungsoptionen kontrastiert; besonders arbeitet sie dabei die Gewalterfahrungen und Handlungsspielräume der vier Sexarbeiterinnen heraus. Ergänzend dazu nutzt sie Material aus den restlichen Interviews, um mit Rückgriff auf ein „erweiterte[s] Verständnis von Gewalt […], welches sowohl personale – d.h. physische, psychische und sexuelle resp. sexualisierte Gewalt – als auch strukturelle Gewalt umfasst“ (S. 165), Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse in der Sexökonomie darzustellen. Die Autorin referriert dabei auf Galtungs Konzept von struktureller Gewalt, nach dem soziale Ungleichheit Menschen derart beeinflusst, „dass ihre körperliche und geistige Entwicklung geringer ist als ihre potenzielle“ (S. 177). Wenn es dieses erweiterte Verständnis von Gewalt auch erlaubt, diverse Aspekte und „vernachlässigte gesellschaftliche Bedingungen“ (S. 177) als gewaltvolle zu fokussieren, so stellt sich hier die Frage, was der Begriff Gewalt noch erklärt beziehungsweise was unter diesem Begriff nicht als Gewalt zu fassen ist.

Als zentrale Akteur/-innen von Gewalt identifiziert Le Breton die Freier, das Bar- und Studio-Personal sowie auch die Arbeitskolleginnen, da deren Beziehungen untereinander durchaus ambivalent und von Konkurrenz geprägt sind. Als wesentliche Dimensionen von Gewalt in den Erfahrungen der interviewten Sexarbeiterinnen arbeitet die Autorin den aufenthaltsrechtlichen Status beziehungsweise das Leben in der Illegalität und in fremdbestimmten Arbeitsverhältnissen, den Zwang zum Alkoholkonsum in den Bars sowie rassistische Grenzüberschreitungen heraus. Wäre die Studie an diesem Punkt stehen geblieben, ergäbe sich einmal mehr ein wissenschaftlich-voyeuristischer Blick auf die Migrantin als ‚Andere‘, als passives Opfer. Um jedoch genau ein solches Bild zu dekonstruieren, nimmt Le Breton einen zweiten Schritt vor und öffnet den Blick für die mannigfaltigen Strategien, die die interviewten Sexarbeiterinnen ergreifen, und die Handlungsspielräume, die sie sich erkämpfen, um mit den prekären und gewaltvollen Situationen in ihrem Arbeitsalltag in der Sexökonomie umzugehen.

Die Autorin schließt mit der Feststellung, dass es sich bei Sexarbeit um eine „Zone der Verwundbarkeit resp. Prekarität“ (S. 206) handelt. Sie plädiert für eine „gesellschaftliche[] Anerkennung von Sexarbeit als Beruf und der darin Tätigen als Sexarbeitende. Daraus können Arbeits- und Aufenthaltsrechte für die hier arbeitenden Frauen resultieren, welche Mindeststandards und Schutz garantieren“ (S. 211).

Fazit

Besonders und erkenntnisversprechend ist die Studie durch die Idee, strukturelle Betrachtungen über die Arbeitssituation von migrierten Sexarbeiterinnen aus einer Subjektperspektive und aus den Erfahrungen zu analysieren, anstatt hegemoniale Viktimisierungs- und Kriminalisierungsansätze fortzuführen. So „stehen im Vordergrund einerseits Ungleichheitsverhältnisse und Gewaltsituationen, welche unsere Interviewpartnerinnen in ihrem spezifischen Arbeitskontext in Rotlicht-Bars, Studios und Salons erfahren, sowie deren eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten vor dem Hintergrund struktureller Bedingtheiten und gesellschaftlicher Stigmatisierung“ (S. 119). Auf diese Weise liefert die Studie relevantes Wissen für die Soziale Arbeit sowie Anhaltspunkte für Unterstützungsmöglichkeiten und politische Forderungen zur Verbesserung der strukturellen Situation von migrierten Sexarbeiterinnen.

Weniger plausibel ist jedoch die Einbettung in ‚transnationale Migration‘, die auch durch den Titel der Studie „Sexarbeit als transnationale Zone der Prekarität“ suggeriert wird. Es geht nicht um Migration und auch nicht um Transnationalismus. Subjekte der Studie sind zwar migrierte Sexarbeiterinnen, aber außer der Referenz auf Staatsbürgerschaft und aufenthaltsrechtliche Situation scheint Migration keine weitere Rolle zu spielen, noch wird die Migrationserfahrung der Sexarbeiterinnen in die Analyse integriert. Damit wirkt das, was Le Breton als Charakterisierung des Phänomens bezeichnet, wie ein etwas aufgesetzter Rahmen. Der Bezug der konkreten Erfahrungen der migrierten Sexarbeiterinnen zu globaleren Entwicklungen in der Migration und in der Sexökonomie bleibt diffus.

Sehr überzeugend gelingt Le Breton jedoch das Aufbrechen und kritische Hinterfragen einer homogenisierenden Perspektive und des Bildes der Migrantin als (passives) Opfer. Die Autorin arbeitet detailliert und präzise heraus, auf welch vielfältige Weise die interviewten Frauen auf die Gestaltung ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse einwirken, Handlungsspielräume nutzen oder sich schaffen und professionelle Techniken und Strategien entwickeln, ihrem Arbeitsumfeld zu begegnen und es weniger prekär zu gestalten.

Die Studie ist daher den Leser-/innen zu empfehlen, die Einblick in die heterogenen Erfahrungszusammenhänge von migrierten Sexarbeiterinnen erhalten wollen. Das reiche empirische Material und der eher beschreibende Zugang zu Gewalterfahrungen und Handlungsoptionen öffnet den Blick für sonst eher marginalisierte Lebensrealitäten. Leser-/innen, die jedoch anderes erwarten, etwa eine empirisch inspirierte Weiterentwicklung von Diskussionen zu sozialer Ungleichheit oder zur Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen im Kontext von Migration oder Impulse für Debatten um Intersektionalität in transnationalen Verhältnissen, werden in dieser Studie eher nicht fündig werden.

URN urn:nbn:de:0114-qn:1013:4

Veronika Ott, M.A.

Goethe-Universität Frankfurt am Main; Philipps-Universität Marburg

International PhD Program „Democracy, Knowledge, and Gender in a Transnational World“ (Frankfurt); Wissenschaftliche Hilfskraft am Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung (Marburg)

E-Mail: veronika.ott@uni-marburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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