Nicola Döring: Fluchen und Flamen, um ein Mann zu sein? Die Verknüpfung von Geschlecht und Sprache durch Vorurteile

Fluchen und Flamen, um ein Mann zu sein? Die Verknüpfung von Geschlecht und Sprache durch Vorurteile

Rezension von Nicola Döring

Anja Gottburgsen:

Stereotype Muster des sprachlichen Doing Gender.

Eine empirische Untersuchung.

Opladen: Westdeutscher Verlag 2000.

293 Seiten, ISBN 3–531–13558–9, DM 58,00 / ÖS 423,00 / SFr 51,00

Abstract: Die hier besprochene Monographie der Linguistin Anja Gottburgsen beschäftigt sich theoretisch und empirisch mit sprachbezogenen Geschlechterstereotypen, also mit unseren Vorstellungen darüber, ob und wie Männer und Frauen jeweils in spezifischer und distinkter Weise sprachlich kommunizieren. Im Theorieteil der Arbeit wird der aktuelle Stand der soziolinguistischen und sozialpsychologischen Diskussion zu Geschlecht, Sprachverhalten und Stereotypisierung kritisch referiert und die Bedeutung von sprachbezogenen Geschlechterstereotypen erläutert. Im empirischen Teil berichtet die Autorin die Ergebnisse von drei Fragebogen-Studien mit deutschsprachigen Studierenden. Es zeigt sich, dass bei Studierenden unabhängig von Geschlecht und Geschlechtsrollenorientierung stereotype Vorstellungen über das sprachliche Verhalten von Männern und Frauen verbreitet sind.

Vom Mars, von der Venus oder hinter dem Mond?

Dass Männer und Frauen sich gerade auch in ihrem Kommunikationsverhalten deutlich unterscheiden, ist heute ein Allgemeinplatz. „Du kannst mich einfach nicht verstehen“ – so lautet nicht umsonst der Titel des populären Linguistik-Klassikers von Deborah Tannen (1998), bringt er doch durchaus treffend zum Ausdruck, wie hilflos und wütend wir Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Geschlechtern im Alltag oft gegenüber stehen. Das gilt im Beruf ebenso wie im Privatleben und insbesondere in heterosexuellen Liebesbeziehungen. „Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus“ – titelt der beliebte Psycho-Ratgeber von John Gray (1998).

Der aktuelle Stand der linguistischen Forschung zeigt indessen: Wer heute noch ernsthaft daran glaubt, dass sich Männer und Frauen jeweils durch einen spezifischen „männlichen“ oder „weiblichen“ Kommunikationsstil auszeichnen, lebt hinter dem Mond. Gottburgsen macht deutlich, dass bislang für kein einziges sprachliches Mittel nachgewiesen werden konnte, dass es kontextunabhängig häufiger oder seltener von Frauen als von Männern gebraucht wird (S. 25). Ob ein Text von einem Mann oder von einer Frau stammt, lässt sich weder von menschlichen Urteilenden noch von entsprechender Sprachanalyse-Software sicher zuordnen (S. 48).

Geschlechtsspezifisches Kommunikationsverhalten ist dennoch nicht als reiner Mythos abzutun. Vielmehr scheinen bei der Sprachproduktion und Sprachrezeption kontextspezifisch durchaus bestimmte Geschlechtseffekte nachweisbar zu sein. Sie sind jedoch nicht eindimensional von dem biologischen Sprecher-Geschlecht ableitbar, sondern nicht zuletzt auch Produkt komplexer psycho-sozialer Prozesse, wobei stereotype Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen sprechen, eine wichtige Rolle spielen können. Diese sprachbezogenen Geschlechterstereotype sind Gegenstand der hier besprochenen Monographie der Linguistin Anja Gottburgsen, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung ZiF (http://www.uni-kiel.de/zif/) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel tätig ist.

Defizit, Differenz oder Doing Gender?

Im ersten Kapitel fasst Gottburgsen den Stand der linguistischen Genderforschung zusammen: Im Laufe der gut 20jährigen Geschichte der linguistischen Geschlechterforschung haben drei Modelle einander abgelöst: Das feministische Defizit-Modell der 70er Jahre betrachtete und kritisierte den weiblichen Kommunikationsstil als eine Konsequenz der gesellschaftlich unterprivilegierten Rolle von Frauen. Gemäß dem Defizit-Modell wurden Frauen aufgefordert, ihren als unterwürfig interpretierten Sprachstil zugunsten eines machtvolleren (männlichen) Kommunikationsverhaltens abzulegen. Mitte der 80er Jahre begann sich das Differenz-Modell zu etablieren, das die Besonderheiten des weiblichen Kommunikationsverhaltens nicht als Defizite, sondern oftmals gerade als besondere Stärken betrachtete. Demnach sollten etwa die dem weiblichen Sprachverhalten zugeschriebene größere Offenheit und die stärkere Adressatenorientierung eine effizientere Kommunikation begünstigen. Teilweise wurden Frauen dann gleich als die besseren Kommunikatoren hochgelobt. Sowohl das Defizit- als auch das Differenz-Modell gehen von einem dichotom fixierten Geschlechter-Konzept aus: Mannsein oder Frausein werden als feste Größen vorausgesetzt, die das Sprachverhalten als abhängige Variable beeinflussen. Der in den 1990er Jahren eingeführte Doing-Gender-Ansatz dagegen kehrt die Perspektive um und untersucht, inwieweit durch das Sprachverhalten als unabhängige Variable überhaupt Verhältnisse geschaffen werden, in denen wir uns selbst und andere dann als „Männer“ oder als „Frauen“ wahrnehmen können.

Gemäß dem Doing-Gender-Ansatz ist Geschlecht keine fundamentale, in der Biologie der Individuen verankerte Eigenschaft mehr, sondern in erster Linie das Ergebnis interaktiver sozialer Handlungen. Dabei wird die Kategorie Geschlecht niemals „pur“ inszeniert, sondern immer in Interaktion mit anderen Kategorien – dem sozio-ökonomischen Hintergrund, dem professionellen Status, der ethnischen Zugehörigkeit, dem Alter, der individuellen Biographie und, entscheidend, dem situativen und kulturellen Kontext (S. 25). Sowohl Konstellationen, in denen sich geschlechtstypisches Sprachverhalten zeigt, als auch solche, in denen sich keinerlei sprachliche Geschlechtsspezifik ausmachen lässt, sind mit dem Doing-Gender-Ansatz vereinbar.

Im zweiten Kapitel referiert Gottburgsen die bisherigen sozialpsychologischen Arbeiten zu Geschlechtersteoreotypen. Inhaltlich beziehen sich Geschlechterstereotype auf das äußere Erscheinungsbild, das Rollenverhalten, den beruflichen Status und vor allem auf diverse Persönlichkeitseigenschaften. Sprache stellt in der sozialpsychologischen Forschung zu Geschlechterstereotypen bislang einen „blinden Fleck“ dar (S. 66), obwohl die linguistische Forschung für das Englische sprachliche Geschlechterstereotype belegt hat und auch in den allgemeinen Geschlechterstereotypen auf das Sprachverhalten Bezug genommen wird (z. B. wenn davon ausgegangen wird, dass Frauen eine gepflegte Sprache verwenden, während Männer fluchen und sexuelle Ausdrücke benutzen, oder wenn Frauen von Hause aus als gesprächig, Männer dagegen als wortkarg charakterisiert werden).

Das dritte Kapitel des Buches verknüpft die linguistische und die sozialpsychologische Perspektive und präzisiert auf diese Weise das theoretische Konzept der sprachbezogenen Geschlechterstereotypisierung. Der Untertitel „Eine empirische Untersuchung“ ist eigentlich eine Untertreibung, denn Gottburgsens Arbeit ist nach Volumen und inhaltlichem Gewicht zur Hälfte auch theoretisch ausgerichtet: Vorliegende Ansätze zur sprachlichen Geschlechterkonstruktion werden gut verständlich resümiert und auf der Basis einer Schwachstellenanalyse (v. a. hinsichtlich des unklaren Stereotyp-Begriffs in der linguistischen Forschung und der mangelnden Betrachtung des Sprachverhaltens in der sozialpsychologischen Forschung) konstruktiv integriert und weiterentwickelt.

Drei Studien zu sprachlichen Geschlechterstereotypen

Auf die drei theoretischen Kapitel folgen drei empirische Kapitel, in denen jeweils eine empirische Fragebogen-Studie vorgestellt wird

Die erste Studie untersucht, welche Bedeutung das Sprachverhalten bei der Bildung von Personeneindrücken hat (n=64 Studierende der Germanistik, Volks- und Betriebswirtschaft). Die Versuchspersonen sollten im Fragebogen all jene Merkmale oder Verhaltensweisen nennen, auf die sie besonders achten bzw. die ihnen besonders auffallen, wenn sie eine Person neu kennen lernen und sich einen ersten Eindruck bilden. 67% der Befragten nannten hier mindestens einen Aspekt des Sprachverhaltens, wobei es inhaltlich um Ausdrucksweise, Stimme und Gesprächsverhalten bzw. Gesprächsthemen ging.

Die zweite Studie exploriert anhand offener Fragen, hinsichtlich welcher Merkmale Unterschiede im Sprachverhalten von Männern und Frauen unterstellt werden (n=32 Studierende der Sprachwissenschaft). Die qua Studiengang besonders für Sprachmerkmale geschulten Probandinnen und Probanden produzierten für die sechs Ebenen Phonologie, Syntax, Lexik, Variation, Gesprächsverhalten und nonverbales Kommunikationsverhalten eine Fülle von Merkmalen. Gesprächsverhalten, nonverbales Kommunikationsverhalten sowie Phonologie waren dabei die drei am stärksten vertretenen Ebenen.

Die dritte Studie prüft, ob es sich bei den in Studie 2 gewonnenen 97 distinkten Merkmalen um kollektiv geteilte Stereotype handelt (n=106 Studierende der Wirtschaftswissenschaft). Dazu wurden die in Studie 2 gewonnen sprachlichen Verhaltensweisen vorgegeben, und die Probanden sollten jeweils den Prozentsatz der Männer oder Frauen angeben, auf die das jeweilige Attribut (z. B. „entschuldigen sich häufig“, „haben eine Vorliebe für technische Ausdrücke“) ihrer Erfahrung nach zutrifft. Es zeigte sich, dass die Befragungspersonen unabhängig von ihrem eigenen Geschlecht und ihrer Geschlechtsrollenorientierung stereotype Erwartungen in Bezug auf das Kommunikationsverhalten von Männern und Frauen hatten. Dass Männer sich häufig über Sport und Politik unterhalten, während Frauen gefühlsorientiert sprechen und über Abwesende tratschen, waren beispielsweise die prägnantesten Merkmale auf der Ebene des Gesprächsverhaltens. Laut Befragten-Einschätzung trafen sie auf knapp 60% der Personen der jeweiligen Geschlechtsgruppe zu (S. 174 f.).

Das Buch endet mit einer ausführlichen Ergebnisdiskussion (Kapitel 7) und einem Ausblick (Kapitel 8), der fordert, sprachliche Geschlechterstereotype auch an anderen Bevölkerungsgruppen als Studierenden zu untersuchen und den Einfluss von sprachlichen Geschlechterstereotypen, die in der Arbeit nun erstmals auch für das Deutsche nachgewiesen wurden, auf die Sprachrezeption und die Sprachproduktion in konkreten Situationen zu prüfen. Zu allen drei Studien sind die Fragebögen sowie ausführliche Ergebnistabellen im Anhang zu finden, so dass für ähnliche Untersuchungen ein reicher Materialfundus zur Verfügung steht.

Perspektiven für die zukünftige Geschlechterforschung

Anja Gottburgsen orientiert sich am Doing-Gender-Ansatz und damit am heute dominanten Paradigma der Geschlechterforschung. Obwohl die Überlegenheit des Doing-Gender-Ansatzes gegenüber dem Defizit- und Differenz-Modell heute weithin anerkannt ist, sind doch auch mit diesem Ansatz Probleme verbunden: Eine theoretisch und empirisch gut begründete Distanzierung vom biologistischen Geschlechter-Dualismus zugunsten des sozialen Konstruktivismus wirft die Frage auf, wie der explizit Dichotomie-kritische Ansatz denn mit der hierbei anklingenden Natur-Kultur-Dichotomie umgeht. Gerade im Zeitalter der Biowissenschaften wird die Genderforschung nicht umhin können, sich biologischen Fragen verstärkt zuzuwenden, obwohl sie uns nach der Erfahrung biologistischer Ideologien teilweise als Zumutungen erscheinen mögen. Doch wenn der Dichotomie-kritische Impetus auch hier beibehalten wird, lässt sich Ideologisierung vermeiden und dafür an inhaltlichen Fragen arbeiten. Eine Schnittstelle ist etwa die phonologische Ebene, da die tiefe Stimmlage als ein zentrales Merkmal des sprachlichen Männerstereotyps herausgearbeitet wurde und hier neben sozialen Interpretationen und bewussten Verhaltenspielräumen physiologische Voraussetzungen besonders einschlägig sind.

Auf methodischer Ebene kombiniert Gottburgsen in ihrer Untersuchungs-Serie durch offene und geschlossene Fragenbogen-Items einen qualitativen und quantitativen Zugang, wobei die inhaltsanalytische Auswertung der Freitext-Antworten („Sortierung“) in Studie 2 von einer unabhängigen „linguistischen Jury“ aus dem Kollegenkreis vorgenommen wurde. Die Frage, ob zur Untersuchung von Geschlechterfragen eine spezifisch feministische Methodologie notwendig sei, wird gar nicht erst aufgeworfen, vielmehr kommen etablierte Datenerhebungs- und Datenauswertungsmethoden zum Einsatz. Auch eine dezidiert geschlechterpolitische Positionierung der Autorin fehlt, vielmehr wird das Erkenntnisinteresse am Prozess der sprachlichen Konstruktion von Geschlecht betont und Geschlechterforschung ganz im Trend der letzten Jahre als Mainstream konstruiert.

Sehr überzeugend ist der Appell, das Sprachverhalten im Zusammenhang mit Geschlechterkategorisierung bzw. -stereotypisierung zukünftig stärker zu berücksichtigen. Ein Symptom für den „blinden Fleck“ in diesem Bereich ist beispielsweise der Diskurs um virtuelle Geschlechterverhältnisse (z. B. Dorer 1997): Dass man der computervermittelten Textkommunikation ernsthaft zugetraut hatte, Geschlechterbezüge zu neutralisieren bzw. zu eliminieren, war nur möglich, weil man einseitig den Körper, nicht aber das Kommunikationsverhalten als konstituierend für Geschlecht verstand. Beiträge zur Online-Diskriminierung dagegen fallen zuweilen in das Differenz-Modell zurück (z.B. Herring 1994). Obwohl es aufgrund von sprachlichen Geschlechterstereotypen plausibel erscheinen mag, dass Männer im Netz mehr flamen (also aggressiv-beleidigende Botschaften im Netz versenden), zeigen empirische Studien teilweise mehr Flaming-Aktivität bei den Netznutzerinnen (vgl. Döring 2000, S. 194). Gerade im Bereich der mediatisierten Kommunikation sind geschlechtsbezogene Kommunikationsstereotype ein besonders virulentes Thema, bewegt man sich doch hier ganz häufig zwischen Liberalisierungs-Hoffnungen und Viktimisierungs-Befürchtungen.

Weitere spannende Themenfelder zur Forschung über sprachliche Geschlechterstereotype sind die interkulturelle Kommunikation sowie die Konfliktkommunikation. So deuten die eingangs zitierten Ratgeber-Bücher darauf hin, dass gerade im Zusammenhang mit Verständigungsschwierigkeiten auf Stereotype zurückgegriffen wird. Der verbesserte wissenschaftliche Kenntnisstand über entsprechende Stereotypisierungs-Prozesse mag sich in Interventions-Programmen fruchtbar machen lassen. Da die hier nachgewiesenen Stereotype darauf hinaus laufen, dass die entsprechenden geschlechtsspezifischen Sprachmerkmale jeweils rund 40–50% (maximal 60%) der Männer oder Frauen zugeschrieben werden, besteht offensichtlich viel Spielraum für eine kognitive und verhaltensbezogene Ausdifferenzierung. Einen besonderen „Aha-Effekt“ verspricht das Herausarbeiten von Situationen, in denen stereotype Wahrnehmung möglicherweise deutliche Sprachdifferenzen zwischen Männern und Frauen suggeriert, obwohl sie de fakto überhaupt nicht vorhanden sind.

Literatur

Nicola Döring: Geschlechterkonstruktionen und Netzkommunikation. In: Thimm, Caja (Hg.): Soziales im Netz. Sprache, Beziehungen und Kommunikationskulturen im Netz. Opladen 2000, S. 182–207.

Johanna Dorer: Gendered Net: Ein Forschungsüberblick über den geschlechtsspezifischen Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien. In: Rundfunk und Fernsehen 45, 1997, H. 1, S. 19–29.

John Gray: Männer sind anders. Frauen auch. Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus. München 1998.

Susan Herring: Politeness in computer culture: Why women thank and men flame. In Mary Bucholtz, A. C. Liang, Laurel A. Sutton, Caitlin Hines, (eds.): Cultural performances: Proceedings of the Third Berkeley Women and Language Conference Berkeley, CA: Berkeley Women and Language Group. University of California 1994, pp. 278–294.

Deborah Tannen: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden. München 1998.

URN urn:nbn:de:0114-qn023230

Dr. Nicola Döring

TU Ilmenau, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Homepage: http://www.nicoladoering.de/

E-Mail: nicola.doering@tu-ilmenau.de

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