Best Practice mit beschränkter Haftung – Gender Mainstreaming an der Universität Augsburg

Rezension von Nina Schumacher

Hildegard Macha, Stephanie Handschuh-Heiß, Marion Magg-Schwarzbäcker, Susanne Gruber:

Gleichstellung und Diversity an der Hochschule.

Implementierung und Analyse des Gender Mainstreaming-Prozesses.

Opladen u.a.: Budrich UniPress 2010.

375 Seiten, ISBN: 978-3-940755-46-9, € 42,00

Abstract: Bei dem Evaluationsbericht von Hildegard Macha und Kolleginnen handelt es sich um eine detaillierte organisationssoziologische Analyse und Reflexion der Einführung von Gender Mainstreaming an der Universität Augsburg. Während im ersten Teil des Buches vor allem die grundlegenden theoretischen Prämissen und deren Entwicklung vorgestellt werden, werden im zweiten Teil die konkreten Einzelmaßnahmen bewertet. Die Evaluation des zwischen 2003 und 2006 durchgeführten Best-Practice-Projekts gibt praxisorientierte Anregungen zur Implementierung von Gender Mainstreaming, wobei die theoretische Rahmung v. a. durch den Rückgriff auf systemtheoretische Begrifflichkeiten geboten wird. Der Fokus liegt dabei schwerpunktmäßig auf dem Aspekt des Gender Mainstreaming und weniger auf einer differenzierten Sicht auf das Thema Diversity.

Im November 2003 wurde vom Senat der Universität Augsburg das Projekt Gender-Mainstreaming beschlossen. Im Rahmen dieses Pilotprojektes wurden insgesamt zehn Maßnahmen ausgearbeitet und im Verlauf der folgenden Jahre umgesetzt. Dazu gehört auch eine wissenschaftliche Evaluation, in deren Prozess alle Beteiligten einbezogen wurden. Im 350 Seiten starken Evaluationsbericht der Projektgruppe um die Pädagogin Hildegard Macha wird die Einführung von Gender Mainstreaming auf struktureller Ebene sowie in den einzelnen Teilprojekten detailliert analysiert und reflektiert.

Wirtschaftsoptimiert gesteuerte Systemtheorie als Grundlage des Gender Mainstreaming

Die im evaluierten Projekt gewonnenen Erkenntnisse zur Struktur des Gender Mainstreaming-Prozesses betreffen v. a. die Relevanz der Vernetzung der beteiligten Akteur/-innen untereinander. Damit einhergehend wird die Rolle sogenannter linking pins als maßgebend identifiziert, also von Personen, die gleichzeitig Mitglied verschiedener Gremien, wie etwa Steuerungsgruppe oder Frauenbeirat, sind und so als Multiplikator/-innen fungieren (S. 130 f.). Macha et al. betonen die Notwendigkeit von „Rückkoppelungsschleifen“, die nach dem Verständnis der Autorinnen weniger eine lästige Wiederholung der Debatten über bereits diskutierte Ziele bedeuten als eine erforderliche Begleiterscheinung des sich nur allmählich verstetigenden (Gender-)Wissens. In diesem Zusammenhang ist auch der Verweis auf permanente Reflexion und Transparenz der Maßnahmen und deren Umsetzung zu betrachten, bei der Verwerfungen benannt und nach neuen Lösungsansätzen gesucht wird. Erst auf diese Weise könne die Universität das Ziel erreichen, eine lernende Organisation zu werden, deren Organisations- und Personalentwicklung sich beständig verbessert (S. 135).

Obwohl sich die Autorinnen der politischen Implikationen bewusst sind, sprechen sie als ein wiederkehrendes – und sicherlich über die Universität Augsburg hinaus weisendes – Hemmnis die vergleichsweise träge Entscheidungsstruktur und die hohe „Störanfälligkeit“ des zentral organisierten Systems der Hochschule an, wobei sie die Vorteile einer stärkeren Konzentration von Macht auf der Präsidialebene zur Diskussion stellen. Diese Vorgehensweise der Studie, deren Tenor damit in Richtung eines reflektiert-kritischen Best-Practice-Beispiels geht, vermittelt einen aufgeräumten Eindruck, da Stolpersteine nicht nur beschönigend umschrieben, sondern konkret als solche benannt werden (S. 95). Das gilt ebenso in Bezug auf die dem Gender Mainstreaming grundsätzlich innewohnende Perspektive auf Geschlecht als wirtschaftlich optimierbare ‚Human-Ressource‘. Zwar bieten Macha et al. hier keine ausdifferenzierte Kritik an, sind sich über die dahinter liegende Problematik aber durchaus im Klaren (S. 22). Dass der theoretische Bezugsrahmen der Evaluation hauptsächlich durch die Systemtheorie bereitgestellt wird, ist angesichts der Beschreibung von Universität als System (Verwaltung) mit Subsystemen (Fakultäten etc.) gewinnbringend, allerdings lässt sich teilweise keine Systematik in der Verwendung der eingestreuten systemtheoretischen Termini erkennen. Zumindest auffällig ist in diesem Kontext der starke Fokus, den Macha und Kolleginnen auf Steuerungselemente im Prozess des Gender Mainstreamings legen – unter Einbeziehung des durchdringenden Steuerungspessimismusses von Niklas Luhmann eine ungewöhnliche Perspektive.

Gleichstellungspraxis in concreto

Der zweite Teil der Projektevaluation befasst sich mit der Umsetzung aller zehn konkreten Maßnahmen, die im Rahmen des Gender Mainstreamings implementiert wurden. Neben der Evaluation selbst waren dies Kommunikationspolitik, geschlechtersensible Datenerhebung, Zielvereinbarungen, ökonomische Anreizsysteme, Fortbildung der Leitungsebene, ein Mentoring-Programm, ein Programm zur Förderung der Vereinbarkeit von Karriere- und Lebensplanung sowie Initiativen zur Kinderbetreuung. Bemerkenswert ist hier die Genauigkeit, mit der die Autorinnen die Projektdurchführung darstellen – Einzelaktivitäten sind vom Entscheidungsprozess bezüglich eines Logos im Sinne der Corporate Identity bis hin zur Beschreibung der Verpflegung während der Kinderferienbetreuung dokumentiert. Den quantitativ mit Abstand größten Anteil nimmt dabei das Mentoring-Programm ProMentora ein, dessen Projektbericht 70 Seiten umfasst, wodurch eine profunde Einführung in die Mentoring-Thematik bereitgestellt wird. Kritisch stellen die Autorinnen heraus, dass es insgesamt nicht, wie vorgesehen, gelang, Gender Mainstreaming als Querschnittskategorie zu verankern, sondern dass Gleichstellung immer eine additive Komponente unter vielen blieb.

Bedingte Diversität

Ein Manko der Studie ist, dass sich die erläuterten Maßnahmen auf Frauen- oder Familienförderung bzw. Work-Life-Balance beziehen, das im Titel des Bandes benutzte Label „Diversity“ aber weder als Konzept vorgestellt noch erklärbar angewandt wird. Nur in einer der Maßnahmen wurde eine andere Zielgruppe als (Nachwuchs-)Wissenschaftlerinnen einbezogen. Am Teilprojekt Kinderbetreuung partizipieren administrativ-technische Angestellte beiden Geschlechts bzw. deren Kinder; die unterschiedlichen Lebenslagen von Personen mit Migrationshintergrund, körperlichen Beeinträchtigungen o. ä. werden jedoch nicht gezielt angesprochen. Ein umfassendes Konzept, das der Diversität innerhalb der Organisation Hochschule Rechnung trägt, ist somit nicht gegeben, beziehungsweise es unterbleibt die kritische Beleuchtung im Rahmen des Evaluationsberichts.

Unkommentiert bleibt ebenfalls, dass leitende Stellen des Gender Mainstreaming-Prozesses durch männliche Akteure besetzt waren (der Prorektor als sog. Gender-Beauftragter). Insbesondere unter dem von Macha et al. diskutierten Aspekt, dass es oft Einzelpersonen sind, die als „Motoren des Wandels“ (S. 133) Projekte vorantreiben (oder eben bremsen), wären wenigstens begründende Abgrenzungen von bisherigen feministischen Positionen wünschenswert gewesen. Unzureichend ist dagegen der an anderer Stelle erfolgte Hinweis, Männer und Frauen seien in gleichem Maße an Gleichberechtigung interessiert. Dieser blendet u. a. aus, dass geschlechtliche Arbeitsteilung noch immer in unterschiedlichem Maße mit Anerkennung honoriert wird und starre patriarchale Strukturen für (weiße, heterosexuelle) Männer durchaus Privilegien bergen, die nicht von allen unumwunden geteilt werden möchten.

Fazit

Auf formaler Ebene gewöhnungsbedürftig ist die teilweise fast protokollartige Wiedergabe einiger Prozessereignisse. Zwar betonen die Autorinnen, nicht in Redundanzen verfallen zu wollen, verlieren sich aber in Einzelheiten, die bis zur Auszählung der Anwesenheit Einzelner in Ausschusssitzungen reicht. Zwar gelingt es ihnen, durch kurze Zusammenfassungen im Anschluss an derartige Passagen stets den Faden wieder aufzunehmen, diese Zusammenführungen allein wären mitunter jedoch bereits hinreichend verständlich gewesen. Dennoch trägt die detaillierte Schilderung der Implementierung des Gender Mainstreamings dazu bei, die Komplexität und netzwerkartige Struktur des Prozesses deutlich zu machen, was hilfreich bei der Übertragung auf andere Projekte sein kann. Die kleinteilige Struktur des Bandes lässt dennoch davon abraten, das Buch durchgehend zu lesen, was aufgrund der geschlossenen Einzelkapitel aber auch nicht notwendig ist. Abgesehen von der ‚Mogelpackung‘ in Sachen Diversity handelt es sich bei dem Band von Macha et al. um einen basalen Best-Practice-Leitfaden zur Umsetzung von Gender Mainstreaming, der auch zur Einführung gut gelesen werden kann. In gewisser Hinsicht ähnelt das Buch selbst einem Gender Mainstreaming-Prozess – zunächst ist eine mitunter beschwerliche Plackerei der kleinen Schritte notwendig, um nachhaltig in Gang zu kommen.

URN urn:nbn:de:0114-qn:1003:9

Nina Schumacher

Philipps-Universität Marburg

Wissenschaftliche Angestellte im Büro der Frauenbeauftragten

E-Mail: nina.schumacher@gmx.net

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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