Johanna Bossinade: Differenzen über die Differenz

Differenzen über die Differenz

Rezension von Johanna Bossinade

Heike Paul, Kati Röttger (Hg.):

Differenzen in der Geschlechterdifferenz. Differences within Gender Studies.

Aktuelle Perspektiven der Geschlechterforschung.

Berlin: Erich Schmidt Verlag 1999.

365 Seiten, ISBN 3–503–04929–0, DM 68,00 / sFr 61.50 / ÖS 496,00

Abstract: Die Beiträge in diesem Sammelband setzen sich mit dem Thema „Geschlechterdifferenz“ in kultur-, literatur- und geschichtswissenschaftlichen Einzelstudien auseinander.

An Differenzen ist kein Mangel, das ist der erste Eindruck, den dieser Band hinterläßt. Die Frage ist nur: Differenzen wovon, im Hinblick worauf, zwischen welchen Seiten? Das Veröffentlichungsdatum des Buchs ist 1999, und eins jedenfalls scheint klar: Die Differenzdiskussion hat knapp vor der Jahrtausendwende eine Vielfalt erreicht, die es schwer macht, den sprichwörtlichen Wald noch zu sehen. Die im Untertitel angekündigten „aktuellen Perspektiven der Geschlechterforschung“ werden durchaus erbracht, mehr jedoch aufgrund der schieren Fülle des Materials als dank eines konturierten Problemansatzes. Andererseits wird gerade so ein Problem anschaulich, das sonst eher abstrakt bliebe. Das Problem ist, daß es keinen Konsens über die Differenz mehr gibt, falls es ihn je gegeben haben sollte, daß aber zugleich nicht so recht erkennbar ist, was es eigentlich ist, worüber es keinen Konsens gibt oder nie gegeben hat. ‚Differenz‘ ist zu einer Art Plastik-Kategorie geworden.

Doch zunächst zur editorischen Gestaltung des Buchs. Für Orientierungshilfen ist dadurch gesorgt, daß die Herausgeberinnen in das „Differenzdilemma“ (S. 20) einführen und drei große Schnitte, nämlich ‚Literatur-‘, ‚Kultur-‘ und ‚Geschichtswissenschaft‘ setzen. Jedem dieser Abschnitte ist wieder eine fachbezogene Einleitung vorangestellt, jedem Aufsatz außerdem eine knappe Zusammenfassung. Den Schlußstein des Bandes bildet ein ‚Forum‘, in dem unabhängig voneinander zwei Grundsatzpositionen vorgetragen werden. Insgesamt liegen 23 Beiträge vor, zu viel, sie einzeln vorzustellen.

Trotz solcher Hilfen ist die Lektüre nicht ganz einfach, was durch den Umstand zweier Leitsprachen mitbedingt ist. Die Aufsätze sind teils deutsch, teils englisch verfaßt, wie auch schon der Titel des Buchs in seiner doppelten Formulierung einschließlich der darin gespiegelten semantischen Unterschiede zum Ausdruck bringt. 1997 fand in Tutzing eine Tagung des Münchener Graduiertenkollegs ‚Geschlechterdifferenz und Literatur‘ und des interdisziplinär arbeitenden ‚Instituut voor Vrouwenstudies‘ der niederländischen Universität Utrecht statt, deren Vorträge das Buch dokumentiert. Als direkte Folge dieser Begegnung besteht die Gelegenheit, von Themen Kenntnis zu nehmen, die im deutschsprachigen Raum selten vermittelt werden, etwa zur Kolonialgeschichte der Niederlande und ihren Folgen, in Stichworten: gemischt ethnische Paare, Geschlechtswahrnehmung in Japanischen Lagern, Kolonialismus und frühe Frauenbewegung.

Die methodischen Zugänge differieren stark, was den „aktuellen Perspektiven“ gemäß ist. Die Geschlechterfrage hat sich außer nach vielen Meinungen auch nach vielen Herangehensweisen ‚ausdifferenziert‘. Daß nicht alle Beiträge das gleiche analytische Niveau aufweisen, muß nicht eigens betont werden; es ist das Risiko jeder Sammlung, die für Neues offen sein will. Die Zugänge reichen von Sozialforschung (Kolonialismus) über Ideen- (Gedächtnis) und Mentalitätsgeschichte (Lesben), Begriffskritik (Ethnizität; Ehre/Judentum) und Körpersemiotik (Stimme; Hysterie) zur Literaturtheorie (ästhetische Differenz). Was die literarische Seite angeht, so liegen Beiträge zum Gebiet der Anglistik (Byron, Ch. Bronte; Renaissance-Drama), Germanistik bzw. Film (Th.v.Harbou) und Komparatistik (Erkennungs-Szenen) vor. Einige Fotografien untermalen den Diskurs, in den im übrigen sehr viel wissenschaftliche Literatur eingearbeitet ist. Wer nach ergänzendem Lesestoff sucht, kann hier fündig werden und sich differenzmäßig ‚weiterbilden‘.

Wer eine Einführung in die Differenzdiskussion sucht, wird sich allerdings anderweitig umtun müssen; das vorliegende Angebot würde eher verwirren. Für diejenigen, die mit den Themen schon etwas vertraut sind, hat es einen hohen Informationswert. Mehr noch, der Band blättert ein Problemspektrum auf, das in vielerlei Hinsicht anregend wirkt. Die Aufsätze laden dazu ein, Positionen zu überdenken, neue kennenzulernen, sich deutlicher für die eine oder andere Richtung zu entscheiden, sie vielleicht auch gerade in der Schwebe zu belassen, auf jeden Fall Vergleiche anzustellen.

An den Leitbegriffen der Aufsätze wird klar, wie stark zur Zeit der Einfluß der angloamerikanischen Debatten ist. Zehn Jahre zuvor hätte es mehr französische Vokabeln gegeben. Die Schlüsselworte lauten jetzt: gender, queer, hybride, cultural, ferner ist auch reichlich ‚post‘ und ‚trans‘ dabei: postcolonial, postfeminist, postgender, transsexual. Etwas einsam steht die ‚gute alte‘ Sexual Difference da, die aber immerhin gespalten ist. Geschlechterdifferenz wird entweder als das noch zu Gewinnende oder aber als zu Überwindendes interpretiert, wobei sie im zweiten Fall als ‚binäres‘ (ausschließendes) Muster gelesen wird. Hinter den verschiedenen Begriffen stehen etwa vier grundlegende Paradigmen, die dringend einer näheren wissenschaftlichen Klärung bedürften. Einen Ansatz dazu legt z.B. Claudia Breger mit einer begriffsevaluierenden Studie über „‚Gekreuzt‘ und queer“ vor. Das eine Paradigma ist die Queer-Differenz, die ursprünglich aus der Homosexuellenbewegung kommt, das zweite die Hybridität, die der Ethnologie-Debatte entstammt, das dritte die sexuelle Differenz mit ihrer zwiespältigen Bewertung und das vierte der gender-Ansatz, der unter dem Einfluß der Diskurstheorie steht.

Ein Paradigmenvergleich wurde eben schon vorgeschlagen, daneben sind der Sammlung drei Problempunkte zu entnehmen, die zu vertiefen sich lohnte. Erstens zeigt sich, wie wichtig empirische Forschung bzw. der Rückbezug auf die soziale Wirklichkeit ist, was vor allem die kolonialismuskritischen Arbeiten der Niederländerinnen nahe legen. Das meint nicht Rückkehr zu einem einfachen Wirklichkeitskonzept, sondern Arbeit auf der Grundlage der inzwischen gewonnenen Einsicht in die Vermitteltheit von ‚Referenz‘.

Zweitens bleibt die ‚unerledigte‘ Frage nach dem Subjektstatus und seinen politischen Implikationen. Rosi Braidotti setzt sich in ihrem Forums-Beitrag (er wurde schon früher publiziert) für eine Politisierung des Differenzbegriffs zugunsten von Frauen ein. In diesem Horizont stellt sich die Frage, ob die Grenzen des Geschlechts nicht schon für überschreitbar gehalten werden, so etwa in dem ‚post gender‘-Beitrag von Silvia Bauer, ehe alternative Symbolisierungen des Geschlechts tiefer ausgelotet wurden. Der von Judith Butler geprägte Topos der Zwangsheterosexualität suggeriert kurz gesagt, daß es ‚Heterosexualität gibt‘. Der Anspruch des ‚hetero‘, Verschiedenen, steht aber doch gerade zur Diskussion. Die ‚queer‘-Bewegung, die sich vom Schema der Geschlechterzweiheit lösen will, trägt möglicherweise zu seiner Erhaltung bei, indem sie ihm einen Realwert gibt, den es in einer männlichen dominierten Denktradition so nie gehabt hat. Auf Ungleichheiten dieser Art insistiert Braidotti, die dabei zugleich ‚Differenzen‘ zwischen kontinental-europäischem und angloamerikanischem Differenzdenken anspricht.

Der dritte Punkt betrifft die Rolle von Kunst und Literatur. In der Einleitung der Herausgeberinnen wie auch in mehreren Beiträgen wird das Neue eingefordert, aber woher soll es kommen? Ina Schabert plädiert in ihrem ‚Forums‘-Beitrag in einer Wende gegen den Zeitgeist für eine stärkere Beachtung der genuin literarischen Ästhetik. Die nämlich „sollte nicht in allgemeine Diskurssysteme aufgesogen werden“. (S. 343) Die Frage ist in der Tat, ob nicht die gegenwärtige Gender-Debatte stark von einer Oberflächenästhetik gelenkt wird, die kompliziertere Text- und Gestaltungsprozesse ausblendet. Vielleicht wäre es die künftige Aufgabe, diese intensiver mit den sozialen Prozessen zu verbinden.

URN urn:nbn:de:0114-qn011044

Prof. Dr. Johanna Bossinade

Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften, Freie Universität Berlin

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