Im Land der unerwünschten Kinder?

Rezension von Lena Correll

Wiebke Schlenzka:

Kinder unerwünscht?

Das Paradoxon der deutschen Geburtenrate und Wege aus der Krise.

Berlin: Mensch und Buch 2006.

100 Seiten, ISBN 978–3–86664–077–1, € 16,80

Abstract: In ihrem 100 Seiten kurzen populärwissenschaftlichen Buch mit dem provokanten Titel Kinder unerwünscht? beschäftigt sich Wiebke Schlenzka mit dem demographischen Wandel in Deutschland. Die Autorin macht dabei nicht nur Ursachen ‚verirrter Familienpolitik‘ aus, sondern erarbeitet auch Vorschläge zur Verbesserung. Dabei versucht sie, auf Themenfelder aufmerksam zu machen, die derzeit in den Diskussionen zu wenig betrachtet werden. Ihre starken Thesen und auch die von ihr formulierten Lösungsvorschläge regen zur Diskussion an, sind aber oftmals unzureichend belegt bzw. wissenschaftlich höchst umstritten.

Aktuelle demographische Diskussion

In ihrem schmalen Buch beschäftigt sich Wiebke Schlenzka mit dem demographischen Wandel in Deutschland. Es handelt sich dabei um ein populärwissenschaftliches Buch. Die Autorin hat neben Fakten „ganz bewusst persönliche Einschätzungen eingebaut“ (S. 6). In dieser Hinsicht ist es interessant zu erfahren, dass sie viele Jahre als Unternehmensberaterin gearbeitet hat. Ihr Buch richtet sie an ein breites Publikum, das sie selbst folgendermaßen beschreibt: „alle, die an Familienpolitik interessiert sind oder sie aktiv gestalten“ (S. 6). Schlenzka ist der Meinung, dass die aktuelle demographische Diskussion teilweise an den Kernthemen vorbeiläuft, und spricht von einem „fehlerhaften Allgemeinverständnis“ (S. 6). Sie vertritt in ihrem Buch drei zentrale Thesen. Erstens: Die geringe Geburtenrate ist nicht Ergebnis freier Entfaltung, sondern „fast alle wünschen sich Kinder, aber immer weniger haben welche“ (S. 5). Zweitens: Anstatt auf eine plurale Gesellschaft bewegen wir uns auf eine bipolare – Kinderlose und „die mit Kindern“ – zu. „Diese Polarisierung ist wahrscheinlich eine größere Belastungsprobe für unsere Gesellschaft als der demographische Wandel an sich“ (S. 5). Drittens: Aktuelle Familienpolitik, die auf materielle Unterstützung und den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur setzt, kann das demographische Problem nicht lösen und wirkt zum Teil sogar kontraproduktiv (vgl. S. 5).

Das Paradox der deutschen Geburtenrate und dessen Ursachen

Zunächst stellt die Autorin in einem kurzen Abriss die demographische Entwicklung dar. Die in den siebziger Jahren (seit dem sog. „Pillenknick“) einsetzende Familienpolitik hat „nicht zu einem nennenswerten Anstieg der Geburtenrate geführt, wird aber überraschenderweise dennoch von allen Parteien weiter favorisiert“ (S. 7). Die Polarisierung der Gesellschaft in Kinderlose und Eltern ist laut Schlenska mit einer gegenseitigen Abwertung verbunden. „Schon heute werden die Kinderlosen von der Mehrheit der Familien nicht mehr wie in früheren Zeiten für ihre Kinderlosigkeit bemitleidet, sondern mehr oder weniger offen als ‚egoistische Nutznießer‘ angesehen“ (S. 15). Unter diesen Negativbildern würden vor allem die Frauen leiden, „da sie im Allgemeinen für die Entscheidung für oder gegen ein Kind verantwortlich gemacht werden“ (S. 15).

Im nächsten Kapitel werden die Ursachen dafür analysiert, dass der Wunsch nach Kindern nicht realisiert wird. Die Autorin stellt dar, warum finanzielle Gründe und mangelnde Ganztagseinrichtungen nicht die „wahren Gründe für den Kinderverzicht in Deutschland sein können“ (S. 18). Nach Schlenska ist gerade für Akademikerinnen, die ja eine große Gruppe unter den Kinderlosen darstellen, „die Bezahlung einer privaten Ganztagsmutter […] kein Problem“ (S. 18). Zudem ist der allgemeine Lebensstandard in Deutschland so hoch wie nie zuvor, „das Einkommen scheint auch generell nicht mit der Geburtenrate zu korrelieren“ (S. 18). Als eigentliche Gründe benennt die Autorin das zu enge zeitliche Entscheidungsfenster für die Familiengründung, die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die mangelnde Familienfreundlichkeit der Gesellschaft (z. B. im Unterschied zu Frankreich).

Verirrte Politik und Wege aus der Krise

Im vierten Kapitel analysiert Schlenzka die „verirrte Familienpolitik“ (S. 47) in Deutschland und erläutert verschiedene Gründe, warum diese nicht erfolgreich und zum Teil sogar kontraproduktiv ist. So sei die Familienpolitik erstens „zu sehr von der Angst geprägt, Bevölkerungspolitik zu machen“; zweitens versuche sie, „einzelne Faktoren aus anderen Ländern auf Deutschland übertragen, ohne auf kulturelle und zeitliche Unterschiede einzugehen“, drittens sei sie sehr stark auf finanzielle Leistungen ausgerichtet und viertens „von falschen Vorstellungen über das Berufsleben bestimmt“ (S.47). Um einen „Weg aus der Krise“ (S. 77) zu finden, macht die Autorin im letzten Kapitel Vorschläge für eine andere Familienpolitik, die vor allem das Entscheidungsfenster zur Realisierung des Kinderwunsches vergrößern und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern müsse. Dafür schlägt sie vier zentrale Maßnahmen vor:

  1. „eine ursachenbezogene Kommunikation, die jungen Frauen/Paaren die Problematik des engen Entscheidungsfensters bewusst macht und ihnen Möglichkeiten der Erweiterung aufzeigt“;
  2. eine „Einführung eines Affirmative Action-Prinzips, das Frauen/Erziehende bei der Besetzung von Stellen als Beamte und im öffentlichen Dienst gezielt bevorzugt“;
  3. eine „Einführung einer allgemeinen sozialen Transferdienstleistung, durch die auch Kinderlose einen sozialen Beitrag in Form einer Tätigkeit für die Gesellschaft leisten“;
  4. eine „Nutzung des Übergangs in die Wissensgesellschaft, um Familie und Beruf wirklich zu vereinbaren“ (S. 77). Die Autorin beschreibt diese Vorschläge jeweils kurz und formuliert Kernfragen zur erfolgreichen Realisierung.

In der populärwissenschaftlichen Machart liegt meiner Einschätzung nach der Reiz, aber auch die Schwäche des Buches. Einerseits vertritt die Autorin starke Thesen und macht Vorschläge für Familienpolitik. Dabei vertritt sie erfrischend deutlich ihre Meinung und liest – ohne Rücksicht auf die Anforderungen von Wissenschaftlichkeit – Dinge gegen den Strich. Außerdem macht die Autorin konkrete Lösungsvorschläge und versucht, sich damit in die aktuelle Familienpolitik einzumischen. Anderseits sind einige ihrer zentralen Thesen wissenschaftlich zumindest umstritten (z. B. dass sich fast alle Deutschen Kinder wünschen), und oftmals werden Aussagen im Buch zu wenig belegt. Trotz dieser Kritikpunkte gilt: Das Buch kann zur Diskussion anregen, denn die Autorin Wiebke Schlenska mischt sich mit kontroversen und pointierten Thesen in den aktuellen demographischen Diskurs ein.

URN urn:nbn:de:0114-qn082095

Lena Correll

E-Mail: correll@staff.uni-marburg.de

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