Das Unsichtbare sichtbar machen. Zum vergessenen Beitrag der alten deutschen Frauenbewegung zur Wohn- und Siedlungsreform im frühen 20. Jahrhundert

Rezension von Claudia Wucherpfennig

Ulla Terlinden, Susanna von Oertzen:

Die Wohnungsfrage ist Frauensache!

Frauenbewegung und Wohnreform 1870 bis 1933.

Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2006.

302 Seiten, ISBN 978–3–496–01350–1, € 35,00.

Abstract: Der Wohnungs- und Städtebau der Moderne gilt weitgehend als eine „Männerdomäne“. In ihrer Schrift Die Wohnungsfrage ist Frauensache! zeigen Ulla Terlinden und Susanna von Oertzen demgegenüber die vielfältigen und einflussreichen Beiträge der alten deutschen Frauenbewegung zur Wohnungsreform des frühen 20. Jahrhunderts und zum Neuen Bauen auf.

„Was der Architekt nicht im Kopfe hat, muss die Hausfrau in den Beinen haben“ (Hallensleben 1930 nach Terlinden/von Oertzen 2006, S. 119). Dieser in der sozialistischen Zeitschrift Kulturwille abgedruckte Ausspruch eines zeitgenössischen Architekten, der auf die große alltagspraktische Bedeutung von Architektur und Innenarchitektur verweist, spricht sicherlich vielen Hausfrauen (heute auch Hausmännern) aus der Seele. Mit der Forderung, die (Haus-)Frau an der Gestaltung von Wohnungen zu beteiligen, machte der Autor gleichsam auf eine vermeintliche Eigentümlichkeit der modernen Planungsgeschichte aufmerksam: Obwohl die Verantwortung für die Hausarbeit und das Wohl der Familie in den Händen von Frauen lag, waren Stadtplanung, Architektur und Wohnungsbau der Moderne reine Männerdomänen. Diesen Eindruck vermittelt auch die einschlägige Literatur aus Architektur, Planungswissenschaften und Soziologie zur Wohnungs- und Städtebaureform im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Diese liest sich in weiten Teilen als eine Geschichte der „großen Männer“; Frauen schien hier keine Bedeutung zuzukommen.

Stadtplanung und Wohnungswesen der Moderne – eine „Männerwelt“?

Doch weit gefehlt. Anders als es das obige Zitat und die Fachdiskussion vermuten lassen, gab es in der alten deutschen Frauenbewegung zahlreiche Verbände und Organisationen, die die „Wohnungsfrage“ in die Öffentlichkeit trugen. Sozialarbeiterinnen, Ökonominnen, Architektinnen, Hausfrauen und andere Haushaltsexpertinnen thematisierten seit Ende des 19. Jahrhunderts die Wohnung als Arbeitsplatz der Hausfrau, machten auf prekäre Wohn- und Lebensbedingungen aufmerksam und entwickelten wohnungs- und städtebauliche Lösungsvorschläge und Entwürfe, die vielfach Eingang in den zeitgenössischen Architekturdiskurs gefunden haben.

Diesem planungspolitischen Engagement der Frauenbewegung widmen sich Ulla Terlinden und Susanna von Oertzen in ihrer Schrift Die Wohnungsfrage ist Frauensache! Im Zentrum der Arbeit stehen die Debatten und Beiträge von Frauenorganisationen und verbänden zur Wohnungs- und Siedlungsreform zwischen 1870 und 1933. Ziel der Planungswissenschaftlerinnen ist es, die (verkürzte) „Geschichtsschreibung der Planung in Deutschland um diese Diskurse aus der Frauenbewegung zu erweitern“ (S. 11) und somit eine „andere“, über Jahrzehnte vergessene bzw. vergessen gemachte Seite der modernen Bau- und Planungslandschaft zu beleuchten. Auf 250 Seiten werden vier miteinander verknüpfte Themenfelder dargestellt, in denen die alte Frauenbewegung aktiv und wirksam war.

Wirkungsfelder der alten Frauenbewegung in der Wohnungs- und Siedlungsreform

Im Zentrum des ersten Kapitels („Weibliche Wohnungspflege“) stehen die Debatten in den Frauen- und anderen Reformbewegungen um das Wohnungselend vor allem der Unterschichten, dessen architektonische, planerische und soziale Ursachen sowie diesbezügliche Lösungsansätze. Insbesondere in radikalen und gemäßigten Kreisen der bürgerlichen Frauenbewegung wurden Konzeptionen der Wohnungsaufsicht entwickelt und in die planungspolitische Praxis umgesetzt, in denen eine bautechnisch-polizeiliche Wohnungsinspektion durch eine erzieherisch-fürsorglich orientierte Wohnungspflege ergänzt wurde.

Im zweiten Kapitel („Rationalisierung des Einzelhaushalts“)werden die Diskussionen um eine Neuorganisation, Systematisierung und Technisierung der Hausarbeit thematisiert. Neben Haushaltsexpertinnen und Architektinnen waren es hier vor allem die Hausfrauenvereine, die mit dem primären Ziel der körperlichen Entlastung der Hausfrau und einer stärkeren Beteiligung von Frauen am Wohnungsbau viel beachtete Entwürfe für Küchen, Wohnungen und Wohnungsbauprogramme erarbeiteten.

Das dritte Kapitel („Zentralisierung der Hauswirtschaft“) beschäftigt sich mit den Debatten um die Kollektivierung der Hausarbeit und der gesamten Hauswirtschaft durch zentrale, zumeist genossenschaftlich organisierte Einrichtungen wie Zentralküchen, Wäschereien oder Kinderbetreuungseinrichtungen. Trafen die Konzeptionen von „Einküchenhäusern“ u. ä. Gemeinschaftseinrichtungen in weiten Kreisen der Wohnungsreform- und Gartenstadtbewegung und der Architekten auf Zustimmung, befürchteten konservative Stimmen inner- wie außerhalb der Frauenbewegung eine Auflösung von Familie und Familienleben.

Im Mittelpunkt des vierten Kapitels („Genossenschaften und Wohnungen für berufstätige Frauen“) stehen die Wohnungsnot und prekäre Wohnsituation von allein stehenden, berufstätigen Frauen sowie die Frage nach der gesellschaftlichen Aufgabe der Frau. In der Entwicklung neuer Wohnformen (Frauengenossenschaften, Studentinnenheime, Ein- oder Zweiraumwohnungen für ledige Frauen) manifestierte sich ein sich allmählich wandelndes Frauenbild, das ein Leben jenseits starrer Familien- und Verwandtschaftsstrukturen denkbar machte.

Die Ausführungen zu diesen Themenbereichen liefern sehr detailreiche Informationen zu den differenten und sich wandelnden Positionen der Frauenbewegung und zu deren Einfluss auf die Wohnungs- und Sozialreformen. Ausführlich beschrieben und diskutiert wird das Engagement von verschiedenen Vereinen, Verbänden und Einzelpersonen bspw. in Form der Ausarbeitung von Wohnungs- und Gesetzesentwürfen, der Mitorganisation von und Teilnahme an Kongressen und Bauausstellungen, der Tätigkeit in Ämtern und Forschungsstellen oder in Form von Aufsätzen in Organen der Frauenbewegung und anderer Reformbewegungen sowie in renommierten Bau- und Architekturzeitschriften. Ebenso wird die Zusammenarbeit zwischen der Frauenbewegung und „verwandten“ Reformbewegungen (z. B. Bodenreform- und Gartenstadtbewegung), Architektenvereinigungen und weiteren mit der Wohnungsfrage befassten Organisationen und Ämtern herausgestellt. Verweise auf Vorbilder aus anderen Ländern finden sich ebenso wie zahlreiche biographische Hinweise zu einzelnen „Protagonistinnen“ der Frauen- und Wohnreformbewegung.

Fazit

Die akribisch zusammengetragenen Detailinformationen zu einzelnen Projekten und Personen sowie z. T. recht lange Unterkapitel von bis zu 20 Seiten machen die Lektüre bisweilen etwas mühsam. Manchmal gestaltet es sich als etwas schwierig, den Überblick zu behalten. Doch stehen nicht das Leben und Schaffen einzelner Personen im Mittelpunkt der Arbeit, sondern die vielschichtigen politischen und planungsbezogenen Diskurse „in der alten Frauenbewegung und ihre Verwobenheit mit den […] aus der Planungsgeschichte bekannten Reformbewegungen“ (S. 11). Diesem Anspruch wird das Buch vollends gerecht. Immer wieder arbeiten die Autorinnen die gesellschaftlichen Macht- (v. a. Klassen- und Geschlechter-)Verhältnisse wie auch die Ehe-, Familien- und Geschlechterbilder einschließlich der damit verbundenen Moral- und Sittlichkeitsvorstellungen heraus, die die Debatten um Hauswirtschafts-, Wohnungs- und Sozialreformen durchzogen. Ebenso finden sich zahlreiche Ausführungen zu Konflikten und Verwerfungen zwischen den, aber auch innerhalb der verschiedenen Strömungen der Frauenbewegung. Aufgezeigt werden zudem Widerstände von z. B. Haus- und Grundbesitzern, Teilen der männlichen Fachöffentlichkeit oder konservativen Staatsbeamten gegen die Reform- und Emanzipationsbestrebungen der Frauenbewegung angesichts eines allmählichen Vordringens „von qualifizierten Frauen in die ‚Männerdomäne‘ des Bau- und Wohnungswesens“ (S. 30). Schließlich finden sich an vielen Stellen Erläuterungen zum Unsichtbarmachen der Beiträge der Frauenbewegung, bspw. durch Nichtbeachtung oder Nichterwähnung in Fachzeitschriften von Architektur und Städtebau.

Mit ihrer Veröffentlichung, die zu einem Großteil auf der intensiven Recherche und Auswertung einer Vielzahl an Originalquellen fußt, haben die Autorinnen die Topographie der modernen Architektur- und Planungsgeschichte in Deutschland um einige in Vergessenheit geratene Orte ergänzt und diesen Namen und Geschichte(n) (zurück)gegeben. Die Wohnungsfrage ist Frauensache! ist eine äußerst informative und gewinnbringende Lektüre für alle, die sich für die alte deutsche Frauenbewegung und/oder die Städtebau-, Architektur- und Kulturgeschichte der Moderne interessieren. Als Begleiterscheinung kann sie schließlich dazu anregen, die eigene Wohnung mal wieder „auf Vordermann“ zu bringen.

URN urn:nbn:de:0114-qn081210

Dr. Claudia Wucherpfennig

Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Humangeographie

E-Mail: Wucherpfennig@em.uni-frankfurt.de

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