Künstliche Menschen? Körpergeschichte zwischen Wissenschafts- und Technikgeschichte

Rezension von Pascal Eitler

Barbara Orland (Hg.):

Artifizielle Körper – lebendige Technik.

Technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive.

Zürich: Chronos 2005.

286 Seiten, ISBN 3–0340–0690–X, € 24,80

Abstract: Der vorliegende von Barbara Orland herausgegebene Sammelband steht in einer Reihe von Untersuchungen, in denen seit rund zehn Jahren der menschliche Körper in seiner Historizität als Ergebnis wissenschaftlicher und technischer Konstruktionsprozesse betrachtet wird. In dreizehn Beiträgen wird mittels unterschiedlicher Zugriffe und auf durchweg hohem Niveau ein denkbar breites Feld der artifiziellen Gestaltung menschlicher Körper seit dem 18. Jahrhundert erschlossen.

Das Hybride, die Simulation und die Deontologisierung des Körpers

In zwei einleitenden Beiträgen von Barbara Orland und Jakob Tanner werden die Ziele des Bandes erläutert. Orland konstatiert, dass die „Analogisierung von Menschen mit Maschinen“ ein Kontinuum in der europäischen Wissenschafts- und Technikgeschichte seit dem 18. Jahrhundert darstelle (S. 14). Es bestehe außerdem in Form der sich Mitte des 19. Jahrhunderts konstituierenden Lebenswissenschaften eine Tendenz „zum ingenieursmäßigen Eingriff“ in den menschlichen Körper (S. 19). Orland unterstreicht aber zu Recht, dass sich innerhalb dieses Kontinuums und trotz dieser Tendenz kein kohärentes Wissen vom Menschen und seiner Materialität herausgebildet habe. Ganz im Sinne von Georges Canguilhem und Michel Foucault betont sie die Brüche, Verschiebungen, Konflikte und Ambivalenzen innerhalb der Körpergeschichte der Moderne – nicht nur auf der Ebene der Diskurse, sondern auch auf der Ebene der Praktiken. So gelte es, zum Beispiel im Anschluss an Hans-Jörg Rheinberger, den konkreten Praxischarakter spezifischer Repräsentations- und insbesondere neuartiger Visualisierungsformen in den Blick zu nehmen und deren Produktivität historisch zu rekonstruieren – nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Labors oder der Fabrik. Orland formuliert eine Reihe von guten Argumenten für eine umfassende Deontologisierung des Körpers und der Unterscheidung zwischen Natur und Kultur. Auch und selbst der Begriff des Hybriden, so ihre Pointe, reproduziere noch jene vermeintliche Polarität von Körper und Technik, Mensch und Maschine, die man doch auf der Theorieebene eigentlich hinter sich gelassen hatte … ein veritables Darstellungsproblem für einen – alles in allem – poststrukturalistischen Zugriff auf die Körpergeschichte der Moderne.

Jakob Tanner, der in Zusammenarbeit mit Philipp Sarasin vor acht Jahren einen vergleichbaren Sammelband vorgelegt hat, schließt mit seinem Beitrag an dieses Problem an, indem er am Beispiel der Medizingeschichte verdeutlicht, dass es im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert sowohl eine zunehmende Produktion artifizieller Körper als auch – so auf dem Gebiet der Molekularmedizin – einen wachsenden Einsatz lebendiger Technik zu konstatieren gibt. Die ehedem verhältnismäßig klare Grenze zwischen Natur und Kultur wird spätestens an diesem Punkt instabil. Am Fall der Genetik, innerhalb derer die DNA lange Zeit als Sprache, als Text, als Code imaginiert wurde, und der Debatte um Computer und deren ‚künstliche Intelligenz‘ eröffnet Tanner schließlich ein Themenfeld, das in unterschiedlichem Maße alle Beiträge des Bandes berührt: die „Invasion von Metaphern“, die überaus unterschiedliche und historisch kontingente Verhältnisse von Menschen und Maschinen generieren, legitimieren oder delegitimieren (S. 59).

Einen angesichts des behandelten Zeitraums ebenfalls eher einleitenden Charakter besitzt der erfreulich problemorientierte Beitrag von Jessica Riskin, der in Hinblick auf den Versuch, ‚künstliches Leben‘ bzw. ‚künstliche Intelligenz‘ herzustellen, überraschende „Denkparallelen“ zwischen dem Automatenbau des 18. und der Computerwissenschaft des 20. Jahrhunderts erschließt (S. 65). In beiden Fällen werde das Verhältnis von Mensch und Maschine, so die These, im Modus der Simulation verhandelt, mit der Folge, dass eindeutige Unterscheidungen zwischen Natur und Kultur zunehmend problematisch werden. Seinen Höhepunkt erlangte der Automatenbau Ende des 18. Jahrhunderts in der Gestalt einer zwar ‚künstlichen‘, doch scheinbar ‚emotional‘ bewegten und daher ‚seufzenden‘ Klavierspielerin – mit der sich unter anderem auch die anschließende Studie von Adelheid Voskuhl auseinandersetzt. Diesen Modus der Simulation grenzt Jessica Riskin überzeugend ab von den zahlreichen Vergleichen zwischen Menschen und Maschinen im Umfeld der sich Mitte des 19. Jahrhunderts konstituierenden Lebenswissenschaften.

Nicht alle Studien können im folgenden skizziert werden, die Beiträge von Silke Bellanger und Aline Steinbrecher zur Hirntoddiagnostik in der Schweiz, von Carmen Baumeler zur Erfindung und Verbreitung ‚intelligenter Kleidung‘, von Cornelius Borck zur Geschichte des künstlichen Auges sowie von Markus Christen zur Prothesenentwicklung am Beispiel des Hörens müssen aus Platzgründen hier leider unberücksichtigt bleiben.

Menschen – herstellen und wiederherstellen

Mit der wachsenden Akzeptanz gegenüber der künstlichen Befruchtung in Deutschland um 1900 beschäftigt sich Christina Benninghaus, überzeugend rekonstruiert sie in diesem Zusammenhang eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung, obgleich die Insemination nur verhältnismäßig selten auch wirklich zur Anwendung gelangte und in der Regel ohne den erwünschten Erfolg blieb. Nicht aufgrund medizinischer Erfolge, so wird deutlich, sondern im Kontext des zunehmend eugenisch ausgerichteten Degenerationsdiskurses und im Rahmen der öffentlichen Debatte um die als bedroht geltende Geschlechterordnung erlangte die künstliche Befruchtung sukzessive Legitimität. Unter anderem sollte auf diesem Wege die vielfach als hysterisch, frigide oder steril imaginierte ‚moderne Frau‘ in die traditionellen Familienverhältnisse reintegriert werden. Die Insemination versprach in diesem Sinne eine Antwort auf die kollektiv und individuell beschworene Krise der Kinderlosigkeit.

Dem Prothesendispositiv im Ersten Weltkrieg und der „Wiederherstellung“ der sogenannten „Kriegskrüppel“ ist der sehr interessante Beitrag von Heather Perry gewidmet. Erst im Kontext des Krieges und angesichts eines – tatsächlich oder vermeintlich – drohenden Arbeitskräftemangels habe sich in Deutschland eine differenzierte Prothesenmedizin etabliert. Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung, so die These, ging es indes weniger um die Heilung oder Betreuung behinderter Menschen als um deren apostrophierte gesellschaftliche Produktionskraft: Unter Anleitung der sich um 1900 konstituierenden Arbeitswissenschaften wurde das künstliche Körperglied vorrangig zum maschinellen Werkzeug – abschraubbar und austauschbar.

Die Geschichte des künstlichen Herzens in den USA wird in einer Studie von Shelley McKellar skizziert. Zwar rekonstruiert McKellar die Erfindung und Entwicklung des künstlichen Herzens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts und benennt die hohe Erwartungshaltung, die diesem bis in die achtziger Jahre insgesamt zugekommen sei – gefolgt von einer weit verbreiteten Ernüchterung angesichts schwerwiegender medizinischer Rückschläge. Es bleibt jedoch bei einem nur allzu knappen Abriss, der den Diskurs um Herztransplantationen und Kunstherzen, der sich innerhalb einer weit umfassenderen Öffentlichkeit entfaltete, nach meiner Einschätzung nicht ausreichend in den Blick nimmt.

Normalkörper und Subjektivierungstechnologien

Am Beispiel der Schönheitschirurgie schließlich interessiert sich Sabine Maasen für die fortschreitende „Gouvernementalisierung der Schönheit“ und die sich wandelnden Subjektivierungstechnologien im Kontext einer sich ausweitenden „Ökonomisierung des Sozialen“ (S. 241). Auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen, so wird deutlich, lässt sich in der Gegenwart ein Prozess ausmachen, innerhalb dessen der Körper mehr und mehr zu einer Art „Bioaktie“ wird – zum Aushängeschild der eigenen Persönlichkeit (S. 245). Ohne diese Entwicklung vorschnell moralisch zu beurteilen, macht der Artikel zu Recht darauf aufmerksam, dass sowohl die Befürworter/-innen als auch die Verurteiler/-innen der Schönheitschirurgie in der Regel im Zeichen eines fragwürdigen Authentizitätsanspruchs und einer folgenschweren Verknüpfung von „äußerer Erscheinung“ und „innerer Erfahrung“ agieren (S. 251).

In die gleiche Richtung zielt der sehr lesenswerte und erfreulich quellengestützte Beitrag von Stefanie Duttweiler zum in den vergangenen Jahren rasant und massiv an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnenden Wellnessdispositiv. Auch an diesem Beispiel lässt sich das Moment der Selbstregierung, das Michel Foucault nicht zufällig in den siebziger Jahren in die Körpergeschichte der Moderne eingeführt hat, im Schnittpunkt von stetig zu optimierenden Bewegungs-, Ernährungs-, Kleidungs- und Entspannungstechnologien rekonstruieren. Lediglich die Rolle religiöser Diskurse und Metaphern hätte im Rahmen dieser beiden sich hervorragend ergänzenden Studien meines Ermessens noch eingehender berücksichtigt werden können – vor allem in Hinblick auf das Phänomen ‚New Age‘.

Fazit

Der vorliegende Sammelband bietet einen überaus gelungenen, perspektivisch anregenden und thematisch vielschichtigen Überblick zur Wissenschafts- und Technikgeschichte menschlicher Körper seit dem 18. Jahrhundert. Dennoch: Er dokumentiert auch die nach wie vor bestehenden Anschlussschwierigkeiten der Wissenschafts- und Technikgeschichte an die sogenannte Allgemeingeschichte. Nicht allen Beiträgen gelingt es in diesem Sinne in überzeugender Weise, eine Brücke zu einer weit umfassenderen Kultur- und Sozialgeschichte der Moderne zu schlagen. Die Bedeutung und Relevanz einer wissenschaftlichen Untersuchung oder technischen Erfindung erschließt sich jedoch vorrangig, so darf man meinen, im Kontext von deren öffentlicher Aufnahme und allgemeinem Gebrauch. Diese Brücke zu schlagen, verwässert nach meinem Dafürhalten keineswegs einen poststrukturalistischen Zugriff auf die Körpergeschichte der Moderne – ganz im Gegenteil: Wenn diese nicht nur auf der Ebene der Repräsentation, sondern insbesondere auf der Ebene der Performativität operieren soll, dann muss sie die Effekte derartiger Untersuchungen und Erfindungen auf breiter Front in den Blick nehmen … nicht nur, aber doch auch außerhalb des Labors oder der Fabrik.

URN urn:nbn:de:0114-qn073049

Pascal Eitler, M.A.

Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaft

E-Mail: Pascal.Eitler@uni-bielefeld.de

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