Wandel der Wissens- und Geschlechterordnung

Rezension von Heike Kahlert

Christina von Braun, Inge Stephan (Hg.):

Gender@Wissen.

Ein Handbuch der Gender-Theorien.

Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2005.

370 Seiten, ISBN 3–8252–2584–4, € 22,90

Abstract: Die 17 Beiträge dieses Überblicksbuchs überprüfen an ausgewählten, vorwiegend kulturwissenschaftlichen Themenfeldern und in Abgrenzungen zu und Überschneidungen mit anderen Wissensfeldern die Hypothese der Herausgeberinnen, dass die Gleichzeitigkeit der Veränderung in der Wissens- und Geschlechterordnung seit dem 18. Jahrhundert einer engen historischen und inhaltlichen Verbindung beider Ordnungen zu verdanken ist. Dabei wird deutlich, welch zentrale Rolle die Kategorie Geschlecht im wissenschaftlichen Wissen der Gegenwart spielt.

Geschlechtliche Codierung der zwei Wissenschaftskulturen

Den konzeptionellen Ausgangspunkt dieses „Hand- und Arbeitsbuch[s]“ (S. 29) bildet C. P. Snows These von den zwei Wissenschaftskulturen: der literarischen und der naturwissenschaftlichen Intelligenz. Erklärtes Ziel von Christina von Braun und Inge Stephan, den beiden Herausgeberinnen des Bandes und Autorinnen des umfangreichen, überaus lesenswerten und kenntnisreichen Einführungsbeitrags, ist es, die geschlechtliche Codierung des wissenschaftlichen Wissens und seiner Ordnung in der Moderne nachzuzeichnen.

Dabei wird deutlich, dass die Kategorie Geschlecht eine zentrale Wissenskategorie ist, die quer zu den Wissenschaftskulturen liegt, diese neu miteinander ins Gespräch bringen und deren Trennung überwinden kann. Die vermeintlich „ursprüngliche“ Wissensordnung, die die „Vermännlichung“ der Naturwissenschaften und die „Verweiblichung“ der Geisteswissenschaften impliziert, erscheint so betrachtet geschlechtlich codiert und hierarchisiert – mit männlich codierten Naturwissenschaften wie Medizin oder Biologie als Leitwissenschaften und weiblich codierten Geisteswissenschaften, die zunehmend ins Abseits verdrängt werden. Dass die innerwissenschaftliche Wissenshierarchie mit der gesellschaftlichen und kulturellen Geschlechterhierarchie korrespondiert, bleibt freilich gemeinhin zumeist unbenannt und unhinterfragt, ja, erscheint als „natürlich“.

Die beiden Autorinnen fragen in einem argumentativen Streifzug durch die Jahrhunderte und die Disziplinen, wie die Wissensordnung geschlechtlich codiert und „naturalisiert“ wird und in welcher Weise dies geschieht. Sie wagen damit einen ausgesprochen spannend zu lesenden Marsch durch die Wissenschaftsgeschichte der Moderne und decken dabei Mechanismen der Aus- und Einlagerung geschlechtlicher Codes aus den bzw. in die Wissenschaften auf.

Geschlecht als Wissenskategorie in zentralen Themenfeldern

Im zweiten Teil, der knapp zwei Drittel des Buchs umfasst, behandeln namhafte Autor/-innen in elf Beiträgen zentrale „Themenfelder“ des wissenschaftlichen Wissens. Dabei verdeutlichen sie exemplarisch, dass und wie das Geschlecht als Wissenskategorie hier zugleich aus- und eingelagert ist. Leider wird die Auswahl der behandelten Themenfelder von den Herausgeberinnen nicht begründet.

Claudias Bregers Beitrag zu „Identität“ liefert den Einstieg, denn die Frage der Identität ließe sich „als zentrale, wenn nicht die zentrale Problematik der neuen Frauenbewegung und der aus ihr hervorgegangenen Geschlechterforschung beschreiben“ (S. 47, Herv. i.O.). Eng mit der Identitätsfrage verknüpft sind die spannenden Beiträge zu „Körper“ (Irmela Marei Krüger-Fürhoff), „Reproduktion“ (Bettina Mathes) und „Sexualität“ (Heike Jensen). Insbesondere diese ersten Beiträge sind inhaltlich gut aufeinander bezogen.

Zwei weitere Aufsätze sind eher politischen Gesichtspunkten gewidmet: Christine Künzel will sich mit dem Begriffspaar „Gewalt/Macht“ beschäftigen. Dabei gerät ihr leider die Macht schnell aus dem Blick, und Herrschaft bzw. Autorität, die in diesem Zusammenhang ebenfalls relevant wären, werden nicht einmal erwähnt. Heike Jensen beschreibt die „Globalisierung“ als politisches und ökonomisches Phänomen, vernachlässigt aber dessen kulturelle Dimension und bleibt zudem begrifflich etwas unscharf.

„Performanz“ (Dagmar von Hoff), „Lebenswissenschaften“ (Kerstin Palm), „Natur/Kultur“ (Astrid Deuber-Mankowsky), „Sprache/Semiotik“ (Antje Hornscheidt) und „Gedächtnis“ (Claudia Öhlschläger) sind die übrigen in diesem Teil erörterten Themenfelder.

Die Texte unterscheiden sich in ihrer Strukturierung, Qualität und Lesbarkeit. Gliederungstechnisch wären evtl. nähere Vorgaben zum Aufbau der Beiträge hilfreich gewesen. So irritiert etwa ab und an, dass zunächst der vermeintlich allgemeine Wissensstand zum jeweiligen Themenfeld referiert und dann mit dem Wissen der Gender Studies angeschlossen wird, während andere Beiträge dies integriert(er) darstellen. Hinzu kommt vereinzelt, dass das verwendete Fachvokabular zwar für das einzelne Themenfeld notwendig sein mag, zugleich aber für Fachfremde die Verständlichkeit des Textes erschwert (z. B. Kerstin Palms notwendigerweise naturwissenschaftlich inspirierte Erörterung der „Lebenswissenschaften“).

Geschlecht als Wissenskategorie in neuen Wissensfeldern

Der dritte Teil dieses Buches befasst sich mit „Abgrenzungen/Überschneidungen“. In fünf informativen und übersichtlichen Beiträgen werden neue Wissensfelder diskutiert, die jeweils die herrschende Wissensordnung in theoretischer und method(olog)ischer Hinsicht herausfordern: „Queer Studies“ (Sabine Hark), „Postcolonial Theory“ (Gaby Dietze), „Media Studies“ (Kathrin Peters) und „Cultural Studies“ (Claudia Benthien/Hans Rudolf Velten).

In diesem Bündel wirkt der fünfte und diesen Teil einleitende, lehrreiche Beitrag von Dorothea Dornhof zur „Postmoderne“ etwas deplatziert: Denn das auch in den Gender Studies viel und kontrovers diskutierte Verhältnis von Moderne und Postmoderne stellt ein „diskursives Ereignis“ (S. 261) anderer Art als die zuvor genannten Wissensfelder dar und wäre als kulturelles, gesellschaftliches und epistemologisches Phänomen möglicherweise besser im zweiten Teil des Buches aufgehoben.

Erhellend ist, dass auch in den hier vorgestellten neuen Wissensfeldern das Geschlecht als Wissenskategorie unterbelichtet bleibt. Die de- und rekonstruktive Anstrengung der Gender Studies ist also auch hier weiterhin notwendig.

Paradoxe Komplexität der Gender Studies

Dieses anspruchsvolle Hand- und Arbeitsbuch gibt zahlreiche Denkanstöße und ist insofern ein unverzichtbares und lange überfälliges Nachschlagewerk für die Wissenschafts- und Geschlechterforschung. Zugleich stößt es jedoch auch an Grenzen: Zwar ist die von Snow 1959 erstmalig formulierte und seither immer wieder bemühte Gegenüberstellung der Wissenschaftskulturen nahtlos passfähig zur etablierten Dichotomie von Natur und Kultur bzw. „sex“ und „gender“. Schade ist aber, dass die beiden Herausgeberinnen den längst erfolgten und in der Wissenschaftsforschung breit diskutierten Differenzierungsprozess in drei oder mehr Wissenschaftskulturen, z. B. von Wolf Lepenies, nicht in den Blick nehmen. Dies hat sowohl in ihrem Einführungstext als auch in der Buchkonzeption zur Folge, dass Themenfelder und Diskussionen der sozialwissenschaftlichen Wissenschaftskultur pauschal „in den politischen Bereich“ (S. 39) verwiesen werden und „aus pragmatischen Überlegungen“ (S. 39) ausgegrenzt bleiben.

Die Autorinnen des vorliegenden Buchs wählen gemäß ihrer Herkunftsdisziplinen schwerpunktmäßig einen kulturwissenschaftlichen – und damit zwangsläufig disziplinär begrenzten – Zugang zu dem inter- und transdisziplinären Forschungsfeld des Verhältnisses von Wissen(schaft) und Geschlecht. Es wäre wünschenswert gewesen, dass diese Eingrenzung auch im Buchtitel deutlich geworden wäre. So würde nämlich die paradoxe Komplexität der Be-Gründung des inter- und transdisziplinären Wissensfelds der Gender Studies sichtbar. Die darin wirkenden Ungleichzeitigkeiten der verschiedenen Wissenschaftskulturen mit den daraus resultierenden Leerstellen im Zusammenhang mit der (Wissens-)Kategorie Geschlecht aufzudecken, bleibt so einem neuen Handbuchprojekt vorbehalten.

URN urn:nbn:de:0114-qn063113

Dr. Heike Kahlert

Universität Rostock, Institut für Soziologie und Demographie

E-Mail: heike.kahlert@uni-rostock.de

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