Privatisierung von Geschichte. Probleme einer differenzierten Aufarbeitung

Rezension von Birthe Kundrus

Vera Neumann:

Nicht der Rede wert:.

Die Privatisierung der Kriegsfolgen in der frühen Bundesrepublik. Lebensgeschichtliche Erinnerungen.

Münster: Westfälisches Dampfboot 1999.

227 Seiten, ISBN 3–89691–451–0, DM 39,80 / SFr 37,00 / ÖS 291,00

Abstract: Ausgangspunkt der Untersuchung von Vera Neumann ist die These, daß im Krieg Erlebtes und Erlittenes in den Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderjahren Westdeutschlands einem Thematisierungstabu unterlegen sei. Anhand von 50 Interviews, die in den 80er Jahren im Rahmen des von Lutz Niethammer geleiteten Projekts „Lebensgeschichte und Sozialgeschichte im Ruhrgebiet 1930–1960“ (LUSIR) entstanden sind und die sie jetzt anhand der Tonbandprotokolle und Abschriften ein zweites Mal auswertet, möchte die Historikerin diese Verschüttungen aufspüren. Im Anschluß an Niethammers These der „Privatisierung von Geschichte“ will sie zeigen, daß seelische und körperliche Kriegsfolgen wie Deprivations- und Überlastungsgefühle, der Verlust von Angehörigen und Kriegsbeschädigungen „privatisiert“, d.h. an die Familien übertragen wurden. Dort seien dann in erster Linie die weiblichen Familienmitglieder mit der Versorgungs- und Pflegearbeit konfrontiert worden. An vier Fallbeispiele schließt sich eine detaillierte Auswertung des gesamten Interviewmaterials an. Diesen Teilen folgt ein Abschnitt zur staatlichen Kriegsopferversorgung in der frühen Bundesrepublik.

Daß die Studie einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt, liegt vor allem daran, daß ihre Autorin einerseits ein unheimlich großes Feld eröffnet, andererseits aber sich dessen offenbar nur wenig bewußt ist. So kennzeichnen konzeptionelle und definitorische Defizite die Arbeit: Was will die Verfasserin z. B. unter „Kriegsfolgen“ subsumieren? Offenbar vor allem „traumatische“ Erlebnisse (z.B. S. 62, 92, 163). Folglich durchzieht der Begriff der „Kriegsopfer“ (S. 18, 160) den Text. Aber auch diese Bezeichnung müßten geklärt und in einen Zusammenhang gestellt werden, will Neumann sich nicht der Gefahr aussetzen zu banalisieren nach dem Muster viele Deutsche hätten im und am Krieg gelitten und seien in der Nachkriegszeit weder symbolisch noch materiell entschädigt worden.

So könnte man nämlich die Anlage des Buches mit ihrem irritierenden Endpunkt, dem Kapitel zur nationalen Kriegsopferpolitik, auch verstehen. Ein systematischeres Herangehen wie etwa die Beschränkung auf Kriegsopfer im Sinne der juristischen Entschädigungsdiskussion wäre zumindest zu überlegen gewesen. Zu den methodischen Schwierigkeiten, Interviewmaterial einer Sekundärauswertung zu unterziehen, liest man bei Neumann unbegreiflicherweise fast nichts (eine Anmerkung auf S. 173).

Inhaltlich zeigen die teilweise sehr ausführlichen und über weite Strecken nicht kommentierten Zitate, wie sehr den befragten Männern eine Sprache für Schmerz- und Verlusterfahrungen fehlt, während für die Frauen die eigenen verpaßten Chancen und die Einengung durch die Familie die Erinnerung dominieren. Diese Ergebnisse sind aber weder neu noch erstaunlich und vermutlich auch nicht spezifisch für Westdeutschland in der Nachkriegszeit. Nicht nur ein Vergleich mit der DDR, von Niethammer im Vorwort angedeutet, auch mit anderen Staaten hätte hier die Aussage präzisieren können. Gibt es Beispiele einer nichtprivatisierten Umgehensweise mit individuellen Kriegsleiden, und wie sehen diese aus?

Von einer Dissertation würde ich im übrigen erwarten, daß sie ihre Ausgangsthese – das Thematisierungstabu – expliziert und auffächert. Worüber genau ist in den Familien wie in der Öffentlichkeit geredet bzw. geschwiegen worden? Es war ja keineswegs so, daß Kriegserfahrungen, auch leidvolle, überhaupt keinen Platz im privaten oder öffentlichen Diskurs gehabt hätten, erinnert sei an so verschiedene Dimensionen wie etwa nationales Totengedenken, die Publikationen von „Kriegsveteranen“, die Arbeit von Kriegsopferverbänden oder regelmäßige „Kameradschaftsabende“.

Wenn es denn eine „eigentümliche“ Form der Kommunikation über den Krieg gab, dann stellt sich doch die Frage, inwiefern diese ihren eigentlichen Gegenstand reflektierte, nämlich Teil einer Gesellschaft gewesen zu sein, die den verbrecherischen Charakter des Systems, in dem man lebte, nicht wahrhaben wollte oder schlicht übersah. Einfach nur die von den Mitscherlichs in den 60er Jahren entwickelte Theorie von der Verdrängung und thematischen Vermeidung zu rekapitulieren (S. 97–101), ist wenig einfallsreich. Gerade an diesem spannendsten Punkt, dem Beziehungsgeflecht zwischen nationalsozialistischem Angriffs- und Vernichtungskrieg, eigenem Handeln, eigenem Leiden, der Plazierung in der Nachkriegsgesellschaft, der öffentlichen Erinnerung an den Krieg und der subjektiven Deutung und Bearbeitung, bleibt Neumanns Studie bedauerlich blaß.

URN urn:nbn:de:0114-qn012110

Birthe Kundrus

E-Mail: fleig@uni-jena.de

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