Anspruch und Wirklichkeit eines neuen gleichstellungspolitischen Konzepts

Rezension von Sandra Smykalla

Barbara Nohr, Silke Veth (Hg.):

Gender Mainstreaming.

Kritische Reflexionen einer neuen Strategie.

Berlin: Karl Dietz Verlag, 2002.

160 Seiten, ISBN 3–320–02987–8, € 9,80

Abstract: In kritischer Auseinandersetzung mit aktuellen Theorien der Geschlechterforschung und mit bisherigen gleichstellungspolitischen Instrumenten werden Ziele und Umgangsweisen mit Gender Mainstreaming reflektiert. Zu Wort kommen Akteurinnen aus der Gleichstellungsarbeit sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Auf der Basis ihrer Erfahrungen und ihres Expert/-innen-Wissens erläutern und problematisieren sie Chancen und Risiken des Konzepts. Dabei stehen neben der Sensibilisierung für Begrifflichkeiten Einblicke in Entstehungskontexte und Theoriebezüge sowie aktuelle Umgangsweisen im Mittelpunkt der Diskussion.

Gender Mainstreaming gilt zur Zeit als die neueste gleichstellungspolitische Strategie. Das Konzept zur tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter hat inzwischen Eingang in sämtliche Bereiche politischer Diskussionen gefunden – sei es auf Regierungsebene des Bundes, der Länder, der Kommunen, in wissenschaftlichen oder professionspolitischen Verhandlungen. Die Implementierung wird von kontroversen Debatten begleitet – ein umfassender Überblick über den Diskursverlauf findet sich im Gegensatz zu der Flut an Einzelbeiträgen bisher kaum. Die Herausgeberinnen dieses Buches tragen deshalb nicht nur dazu bei, „Schwung in die schwerfällige gleichstellungspolitische Debatte“ (S. 7) zu bringen, indem sie Theoretiker/-innen und Praktiker/-innen in den Dialog bringen, bündeln sie „vielfältige“ (S. 10) und bieten aktuelle Einblicke in den Stand der bisherigen Umsetzung von Gender Mainstreaming. Die Bedeutungsvielfalt von Gender Mainstreaming spiegelt sich in den 14 Beiträgen wider, die auf der Basis unterschiedlicher professioneller Kontexte und theoriepolitischer Hintergründe Chancen und Risiken des neuen Gleichstellungskonzepts bearbeiten.

Intention des Bandes, der auf eine Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit dem Bund demokratischer Wissenschaftler/-innen im Frühjahr 2002 zurückgeht, ist die Eröffnung von Verhandlungsräumen für kritische Reflexionen der theoretischen Hintergründe sowie für den aktuellen Erfahrungsaustausch über konkrete Umsetzungsschritte von Gender Mainstreaming. Die Autorinnen und Autoren nehmen damit die politische Herausforderung der neuen gleichstellungspolitischen Strategie auf – ohne sich lediglich im Für oder Wider zu positionieren – und bilden eine „Diskussionsetappe“ (S. 14) für weitere differenzierte Auseinandersetzungen um Gender Mainstreaming.

Gleichstellungspolitische Aushandlungsräume

Die drei zentralen Konfliktfelder von Gender Mainstreaming werden in vier thematischen Kapiteln bearbeitet. „Hintergründe“ liefert der erste Teil, der sich aus politischer und theoretischer Perspektive die Frage stellt: Was ist Gender Mainstreaming, wo kommt es her, wie ist es zu verstehen? Claudia von Braunmühl zeichnet die Wurzeln von Gender Mainstreaming, die in der Entwicklungspolitik liegen, nach und weist auf deren langjährige Erfahrungsbasis hin. Gabriele Rosenstreich nähert sich aus poststrukturalistischer Perspektive dem Gender Mainstreaming- Konzept und fokussiert das Thema „Differenz und Macht zwischen Frauen“. So steht die Ambivalenz der gleichstellungspolitischen Strategie den Ausgangspunkt: die erweiterte Möglichkeit, emanzipatorische Ansätze und Interessen einzubringen, einerseits und die Gefahr, die Hierarchisierung von gesellschaftlichen Gruppen zu verstärken, andererseits.

Aus dem Blickwinkel von Gleichstellungsbeauftragten und gleichstellungspolitischen Akteurinnen und Akteuren werden im Kapitel „Kontexte“ Verbindungen von Theorien der Geschlechterforschung und Gleichstellungsarbeit bilanziert sowie Einblicke in Handlungsfelder der Organisationsentwicklung, der Privatwirtschaft sowie des Wissenschaftsbetriebes gegeben. Insbesondere wird dabei der Bedeutungswandel von gleichstellungspolitischen Zielen – Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Abbau von Geschlechterdiskriminierung – kritisch untersucht und politische Forderungen für die Praxis formuliert. Sünne Andresen beschreibt die Ergebnisse einer Interviewstudie in der Ostberliner Kommunalverwaltung, die besagen, dass keine Relevanz von Geschlecht am Arbeitsplatz gesehen wird. Sie kommt zu dem Schluss, dass als erstes „ein Wissen über den Zusammenhang von Geschlecht und Organisation vorhanden sein muss“ (S. 45). Barbara Nohr weist an dem Paradigmenwechsel von Frauenförderung zu „Gender Mainstreaming, Total-E-Quality und Managing Diversity“ auf die Gefahr hin, sich anstatt am Grundsatz des Rechts auf gleiche Teilhabe ausschließlich an Ansätzen zu orientieren, die mit ökonomischen Vorteilen durch mehr Leistungsfähigkeit für Gleichstellung werben. Dass Gerechtigkeit das Ziel von Gleichstellungspolitik bleiben muss, fordert auch Ute Giebhardt für die Hochschulpolitik. Im Mainstreaming von Gleichstellungsfragen liege die Chance, allgemeine Reformprozesse anzuregen, die grundlegende Hierarchien abbauen – was sich implizit positiv für die Chancen von Frauen auswirke.

Ein wichtiges politisches Instrument von Gender Mainstreaming, die sogenannten Gender-Trainings, werden von Leah Czollek und Heike Weinbach kritisch untersucht und Weiterentwicklungsmöglichkeiten anhand der Variante des Social Justice Trainings vorgestellt. „Aus der Perspektive von Männern“ (S. 56) werben Stephan Höyng und Klaus Schwerma schließlich für die Vorteile von Gender Mainstreaming, die sie insbesondere in der Erhöhung der Lebensqualität für Männer sehen.

Von konkreten Projekten und Maßnahmen im Zuge der Implementierung von Gender Mainstreaming handelt das Kapitel „Praktiken“. Langjährige Erfahrungen in der Entwicklungspolitik ermöglichen Regina Frey und Gabriele Zdunnek differenzierte Einblicke in die bisherige Praxis, die der Relativierung des Gender Mainstreaming-Booms in Deutschland dienen. Während Sylvia Skrabs den Umgang mit Gender Mainstreaming am Beispiel der Verhandlungen um Altersteilzeit in der Tarifpolitik problematisiert, erörtert diesen Monika Stein anhand des Brandenburgerischen Hochschulgesetzes im Hinblick auf bisherige Instrumente der Gleichstellung an Hochschulen. Da vor allem der mangelnde politische Wille als größtes Hemmnis erscheint, sind Auseinandersetzungen mit Schwachstellen bisheriger Frauenförderpolitik nötig, die Erkenntnisse aus der Frauen- und Geschlechterforschung einbeziehen, so ihre These.

Im letzten Kapitel finden „Verortungen“ in politischer Praxis und feministischer Theoriebildung statt, und so schließt sich der Bogen zur Ausgangsfrage, wie Gender Mainstreaming zu verstehen sei. Susanne Schunter-Kleemann analysiert Gender Mainstreaming im Kontext europäischer, neoliberaler Arbeitsmarktpolitik, indem sie es mit „Workfare“, einer neoliberalen Strategie zur „Aktivierung bisher nicht genutzter Humanressourcen“ (S. 136) vergleicht. Da sie zu dem Schluss kommt, dass Gender Mainstreaming zumeist als eine marktförmige, wettbewerbsorientierte Modernisierungsstrategie eingesetzt wird, die lediglich auf die Förderung hochqualifizierter Frauen in Wissenschaft und Management zielt, plädiert sie für sozialstaatliche Politikalternativen, die einen „umfassenden und radikalen Neuansatz verfolgen“ (S. 137). In Bezug zu aktuellen theoretischen Infragestellungen der für den Diskurs des Gender Mainstreaming bedeutsamen Sex-Gender-Trennung geben Johannes Dingler und Regina Frey Einblicke in verschiedene Strömungen postmoderner Feminismen. Das Potential von dekonstruktivistischen Ansätzen für die politische Praxis sehen sie vor allem in der Ablösung der Identitätspolitik durch eine „Politik der Koalitionen“ und eine „Politik der Parodie“ (S. 155).

Durch den gesamten Band zieht sich wie ein roter Faden die Klärung zentraler Begrifflichkeiten – nicht nur, weil sie Aufschluss über unterschiedliche Bedeutungsebenen und politische Bezüge geben, sondern auch, weil in der bisherigen Debatte um Gender Mainstreaming die diffuse Verwendung von Gender, Mainstream, Chancengleichheit, Frauenpolitik etc. wiederholt Gegenstand der Kritik wurde. Ohne Vereinheitlichungen herstellen zu wollen oder zu können, werden vielmehr zahlreiche Bezüge der Arbeit mit Gender Mainstreaming sichtbar gemacht.

So bleibt die „Uneindeutigkeit als Chance“ (S. 10) nicht nur Programm für dieses Buch, sondern spiegelt die vielfältige Breite des momentanen Diskussionsstandes um Gender Mainstreaming wider. Ob bei Theoretiker/-innen oder Praktiker/-innen – optimistisch und skeptisch klingende Erfahrungsberichte und Einschätzungen gegenüber der Umsetzung halten sich die Waage. Ein Grundtenor lässt sich dennoch in der Aussage zusammenfassen: Gender Mainstreaming ist dem Anspruch nach eine positive Sache – wenn sie „richtig“ eingesetzt wird. Wie dies aussehen kann, muss sich in der Praxis erst erweisen.

URN urn:nbn:de:0114-qn033112

Sandra Smykalla, M.A.

Georg-August Universität Göttingen

E-Mail: ssmykalla@gmx.de

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