Aspekte der Produktion und Rezeption von Autorinnen international betrachtet

Rezension von Irmgard Heidler

Suzan van Dijk, Lia van Gemert, Sheila Ottway (Hg.):

Writing the history of women’s writing.

Toward an international approach.

Amsterdam: Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences 2001.

276 Seiten, ISBN 90–6984–293–9, € 43,00

Abstract: Als roter Faden dieses Sammelbandes internationaler Wissenschaftler/innen wirkt die 1997 veröffentlichte niederländische Anthologie Met en zonder lauwerkrans von Autorinnen zwischen 1550 und 1850. Der Leser/die Leserin erhält Gelegenheit, die Probleme, Theorien, Möglichkeiten und Übereinstimmungen feministischer Literaturwissenschaft zu verfolgen und dabei Autorinnen und ihre Themen in Literaturen kennenzulernen, die, wiewohl zueinander benachbart, sonst kaum vermittelt werden. Vergleiche können gezogen. Anregungen zu neuen Ansätzen gegeben werden.

Das Buch enthält 20 Beiträge zu weiblicher Autorschaft zwischen dem 16. bis ins 19. Jahrhundert – ungefähr bis hin zur ersten feministischen Bewegung in verschiedenen europäischen Länden – und zur Frage, wie die Geschichte dieser weiblichen Literatur geschrieben werden sollte. (vgl S. X)

Es handelt sich dabei um die Erträge eines Kolloquiums aus dem Jahre 1998, an dem zur Hälfte feministische Literaturwissenschaftler/innen aus den Niederlanden bzw. Belgien, zur Hälfte und in gleichen Teilen solche aus Nordamerika und Europa (England, Irland, Deutschland, Frankreich und Ungarn) teilnahmen. Die Essays dokumentieren einen unterschiedlichen Forschungsstand, der zum Teil zahlen-, aber auch gattungsmäßigen Unterschieden weiblicher literarischer Produktion in den einzelnen Ländern entspricht. Dennoch war der Austausch einer Reihe von gemeinsamen Problemen möglich, der zugleich als ein Plädoyer für komparative Studien verstanden wurde.

Ausgangspunkt war ein groß angelegtes niederländisches Forschungsprojekt einer Anthologie: Met en zonder lauwerkrans. Schrijvende vrouwen uit de vroegmoderne tijd 1550–1850: van Anna Bijns tot Elise van Calcar.[1] „Mit und ohne Lorbeerkranz“ stellt ungefähr 160 bis dahin weitgehend unbekannte Autorinnen einen breiteren Leserschaft vor. Die bewusste Plazierung der holländisch/flämischen Literaturgeschichte von Frauen im internationalen Forschungskontext erscheint als notwendige Konsequenz angesichts des zahlenmäßig begrenzten literarischen Korpus .(vgl. S. XIV).

Einführung in die Literatur und Vermittlung leisten in vorliegendem Band die Porträts – neben weiteren Illustrationen – und Textbeispiele von fünf holländischen Autorinnen (in literarisch repräsentativer Auswahl aus religiösen, neoklassizistischen Texten und Romanen) und einer flämischen Lyrikerin, zusammen mit den vorwiegend zeitgenössischen Übersetzungen ins Französische, Englische oder Deutsche. Das Vorwort Suzan van Dijks bietet Orientierungshilfe zu den heterogenen methodischen Ansätzen und deren Problemen, zur empirischen Forschung und theoretischen Positionen, in Abhandlungen zu Autorinnen unterschiedlicher Sprach- und Zeiträume, die sie in drei Schichten gruppiert: „The history of women‘s writing“ – zur Geschichte weiblicher Autorschaft, „Writing the history of women‘s writing“ – zu Möglichkeiten und Fragestellungen der Literaturgeschichte zu Autorinnen – und „Broader approaches in women‘s literary historiography“ – umfassendere Ansätze in Literaturgeschichtsschreibung von Frauen. Die Beiträge reichen von der Bestandsaufnahme der Literatur von Frauen, der systematischen Erforschung von Leben und Werk wenig bekannter bzw. vergessener Autorinnen – und deren sozialer Wirklichkeit, Bedingungen ihrer literarischen Produktion und der Frage nach Leerstellen der Überlieferung – bis hin zu Fragen feministisch-literaturwissenschaftlicher Beurteilung von Autorin (als „sujet de l‘énonciation“ – so bei Louise Schleiner), Texten und von Lektürepraxis. Als nützlich zur Erschließung dieses Sammelbands erweist sich der Index zu Themen und Problemen.

Bemerkenswert ist, dass manche der später in Vergessenheit geratenen Autorinnen zu ihrer Zeit erfolgreicher waren als gleichzeitig schreibende Männer, die in Literaturgeschichten weitergereicht wurden – einen direkten Zusammenhang zwischen Non-Konformismus und Ausschluss aus der französischen Literaturgeschichtsschreibung wies Nicole Boursier etwa für Madame de Villedieu und Madame de Graffigny im 17. bzw. 18. Jahrhundert nach (vgl. S. 64). Dabei bedeutet die Kenntnis von Autorinnen oft nur die von selektierten – in Themen, Genres und literarischen Tendenzen konformen – Teilen des Werks. (vgl.Riet Schenkeveld-van der Dussen, S. 9)

Das Problem qualitativer Wertung wird unterschiedlich angegangen, im allgemeinen wird der Position der gesellschaftlichen Relevanz weiblicher Literatur der Vorzug gegeben (das gilt auch für Met en zonder lauwerkrans). Die Selektionskriterien des „Neuen“ und „Anderen“ des prestigeträchtigen skandinavischen Projekts der fünfbändigen Nordisk Kvinnolitteraturhistoria (Skandinavische Frauenliteraturgeschichte, 1993 – 1999) werden von Petra Broomans als nicht frei von vorherrschenden Mustern erkannt und zur Diskussion gestellt.

Christine Planté beschreibt die Schwierigkeiten, Kriterien für eine Selektion nach textuellen Qualitäten für eine Anthologie französischer Autorinnen des 19. Jahrhunderts festzulegen. Ein Ergebnis war die „Dekonstruktion“ der Illusion einer zeitlosen „Weiblichkeit“ – keine Einheit weiblicher dichterischen Produktion war nachzuweisen , dagegen Anzeichen einer einhelligen Rezeption zwischen Ironie und Widerstand, die wiederum gemeinsame Reaktionen, Diskurse, Strategien hervorrufen kann. (vgl. S. 152)

Ansätze, die Bedingungen der literarischen weiblichen Existenz zu untersuchen, reichen über die Vorschläge, den weiblichen Anteil im Buchhandel – auch hier höher als erwartet – in der Frage des Selbstverständnisses in Auseinandersetzung mit dem ausgrenzenden Literaturbetrieb im internationalen Vergleich zu untersuchen (vgl. Geraldine Sheridan, S. 208, Paul Hoftijzer, S. 220). Das Fazit Lia Gemerts, einer der Herausgeberinnen von Met en zonder lauwerkrans, ist, dass der soziologische und funktionale Ansatz von vielen Wissenschaftlern/innen befürwortet werde und der literarhistorische Forschungsansatz erweitert werden müsse. (vgl. S. 236) Auch könne das breitere Publikum neues Interesse an Literatur finden, wenn, wie oft bei der nicht kanonisierten Literatur von Frauen, die Reflexion über das Alltagsleben nicht ausgegrenzt bleibe. Dass die Erforschung der Literaturgeschichte der Frauen auch durch die literaturwissenschaftliche Fokussierung auf die Produktionsbedingungen ihrer Literatur ins Hintertreffen geriet, wird, ist die Folgerung These von Joep Leerssen im Schlussessay des Bandes: Literaturgeschichte gewinne wirkliche Bedeutung in der Mischung von Schreiben und Lesen, in der Verbindung von Produktion und Rezeption (von und durch Frauen und Männer). Es sei Zeit für eine synoptische Geschichte der literarischen Rezeption, des Lesens und seiner Bilder (Imagines), von Wahrnehmungstypologien und Stereotypen. (vgl. vgl. S. 256)

Möglichkeiten dazu eröffnet ein neues niederländisches Forschungsprojekt einer Datensammlung zu „Autorinnen und ihrem Publikum, 1700–1880“, das davon ausgeht, dass zeitgenössische Reaktionen Überblick über die Wirkung des Werks von Autorinnen bieten (nachgewiesen ist schliesslich, dass das Verschwinden weiblicher Autoren aus Literaturgeschichten oft erst mit beträchtlicher historischer Verzögerung geschehen ist), ganz abgesehen vom Wert, den ihre Literatur auch für uns noch haben kann. (vgl. vgl. S. XIX)

Anmerkungen

[1]: Riet Schenkeveld-van der Dussen, Karel Porteman, Piet Couttenier, Lia van Gemert (Hg.), Amsterdam: Amsterdam University Press, 1997.

URN urn:nbn:de:0114-qn032044

Dr. Irmgard Heidler

Berlin

E-Mail: iheidler@t-online.de

Die Nutzungs- und Urheberrechte an diesem Text liegen bei der Autorin bzw. dem Autor bzw. den Autor/-innen. Dieser Text steht nicht unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann ohne Einwilligung der Rechteinhaber/-innen nicht weitergegeben oder verändert werden.