Monika Kopczynski: „Wenn Sokrates eine Frau gewesen wäre…“

„Wenn Sokrates eine Frau gewesen wäre…“

Rezension von Monika Kopczynski

Brigitte Rauschenbach:

Der Traum und sein Schatten.

Frühfeministin und geistige Verbündete Montaignes. Marie de Gournay und ihre Zeit.

Königstein/Ts.: Ulrike Helmer 2000.

248 Seiten, ISBN 3–89741–048–6, DM 48,00 / € 24,54

Abstract: Brigitte Rauschenbach legt mit dem vorliegenden Band die erste deutschsprachige Biographie über Marie de Gournay (1565–1645) vor. Der französischen Humanistin verdankt die westeuropäische Geschlechtergeschichte den ersten Traktat über die Gleichheit von Mann und Frau.

Wer war Marie de Gournay?

„Wer sich mit dem Leben dieser Frau in der Epoche des Übergangs befasst, wird erkennen, dass Ansätze zur Geschlechtergleichstellung nicht erst im zwanzigsten Jahrhundert entstanden, sondern bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreich blockiert worden sind.“ (S. 12)

Marie de Gournays Traktat über die Gleichheit der Geschlechter Égalité des hommes et femmes erschien bereits 1622, aber selbst Simone de Beauvoir hielt François Poullain de La Barre den Autor des 50 Jahre später erscheinenden Traktats De l’égalité des deux sexes, mit dem er sich direkt auf Marie de Gournay bezog für den Wegbereiter des modernen Feminismus. Dies ist nicht die einzige Anerkennung, die Marie de Gournay versagt blieb. Vielmehr lässt sich ihr Leben als Beweis dafür nehmen, dass Jakob Burckhardt in seinen Renaissancestudien leider in einem Punkt irrte: Die Frauen der Renaissance seien den Männern gleich geachtet und hätten gleichen Zugang zur Bildung. Wie hart erkämpft der Bildungszugang für Frauen sein konnte, beweist das Beispiel Marie de Gournays, die sich Latein heimlich hinter dem Rücken ihrer Mutter beibringen musste, autodidaktisch, indem sie Originaltexte mit ihren Übersetzungen verglich. Ihre Verdienste um die Herausgabe der Essais von Michel de Montaigne (aufgrund derer man sie als eine der ersten Philologen Frankreichs bezeichnen kann) wurden bereits zu Lebzeiten angezweifelt und werden auch von der heutigen Montaigne-Forschung noch ignoriert, geleugnet oder verzerrt. Marie de Gournay hat sich zeit ihres Lebens dafür rechtfertigen müssen, dass sie es als Frau wagte, als Intellektuelle in der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen. Dennoch blieb die Würdigung ihres vielfältigen Werkes als Philosophin, Pädagogin, Dichterin, Romanautorin, Übersetzerin, Literaturkritikerin und Linguistin avant la lettre bis ins 20. Jahrhundert aus. Stattdessen erntete sie Spott, der sich weniger auf ihre Thesen als vielmehr auf ihre Geschlechtszugehörigkeit bezog, oder Schweigen, das sie einer ihr angemessenen Kanonisierung entzog. Trotzdem hat sie weder Ehe oder Kloster gewählt noch hat sie sich in die Abhängigkeit der Günstlingswirtschaft des französischen Hofes begeben, was den Teufelskreis der Verleumdungen noch verstärkte. „Wenn Sokrates eine Frau gewesen wäre“, stellte sie einmal fest und sicherlich nicht zuletzt im Hinblick auf ihr eigenes Leben, „wäre er eine der skandalumwittertsten Frauen Athens gewesen.“ (S. 79 f.)

Zu dem Vorhaben des Buches

365 Jahre nach ihrem Tod ist im Ulrike Helmer Verlag nun die erste deutschsprachige Biographie über Marie de Gournay erschienen. Die Politikwissenschaftlerin Brigitte Rauschenbach trägt hierbei nicht nur das wertvolle Material der bisherigen Gournay-Forschung in einer Monographie zusammen und macht es zum Teil erstmalig dem deutschsprachigen Publikum zugänglich, sondern leistet selbst eine umfangreiche Quellenarbeit anhand der historischen Texte. Ausgehend von ihrem ursprünglichen Interesse, „Licht in das Dunkel des Lebens“ von Marie de Gournay zu bringen, gelangt sie dabei zu der allgemeinen Frage nach der Bedeutung der Geschlechterordnung in Epochen des Umbruchs. So ist diese Biographie keine chronologische Darstellung einzelner Lebensabschnitte, sondern eine systematische Untersuchung der politischen und kulturellen Bedingungen für Frauen am Beispiel der femme savante Marie de Gournay. Die Einbettung in die Geschlechterdebatte wird vervollständigt durch eine Zusammenfassung der einzelnen Positionen der Querelle des Femmes bis ins 17. Jahrhundert im einleitenden ersten Kapitel sowie durch die Darstellung der Gournay-Rezeption bis in die Gegenwart im letzten Kapitel. Der Anhang umfasst außer Abbildungsverzeichnis und Personenregister eine Zeittafel biobibliographischer Angaben Marie de Gournays im Spiegel ihrer Zeit und eine umfangreiche Bibliographie, die sowohl die historischen Quellentexte als auch den aktuellen Forschungsstand berücksichtigt. Weiterhin enthält der Band die einzigen bildlichen Zeugnisse zu Marie de Gournay und anderes Bildmaterial zum Thema.

Die Thesen

Als Verdienste des vorliegenden Bandes sind u. a. hervorzuheben, dass Rauschenbach den Traktat Égalité des hommes et des femmes erstmals in seinem philosophischen und politischen Kontext situiert. Wie Rauschenbach aufzeigt, war die auf Hierarchien aufgebaute höfische Gesellschaft auf einen Diskurs der Gleichheit nicht vorbereitet. Der „soziale Sprengsatz“ dieser Streitschrift ist daher nicht allein darin zu sehen, dass sie der Geschlechterdebatte ein neues Argument bot, sondern dass sie den neuzeitlichen Staatstheorien widersprach und daher „recht besehen ein direkter Gegendiskurs gegen Machiavellis Principe und Bodins Theorie von der Souveränität“ (S. 78) war.

Was die Beziehung von Marie de Gournay zu Michel de Montaigne betrifft, zeigt Rauschenbach, dass sie nicht auf ein geistiges Vater-Tochter-Verhältnis beschränkt blieb, sondern dass es sich hierbei um eine Seelenverwandtschaft handelt, wie sie Montaigne in seiner Philosophie der Freundschaft entwickelt und die er zuvor dem intellektuellen Austausch von Männern vorbehalten sah. Die posthume Edition seiner Essais, die sich Marie de Gournay zur Lebensaufgabe machte, ist daher als eine Art „fortgesetzte Beziehungsgeschichte“ zu sehen. Das Vorurteil, Gournay habe mit dem Titel ihres Erstlingswerkes Le Proumenoir de Monsieur de Montaigne Montaignes Namen zu eigenen Karrierezwecken missbraucht, da die Authentizität dieses Spaziergangs (proumenoir) stellenweise angezweifelt wurde, kann Rauschenbach ausräumen, indem sie vergegenwärtigt, dass es sich um die Versinnbildlichung eines Gedankenaustausches handelt. Der Spaziergang als Metapher des Denkens findet sich bereits seit der Antike und auch bei Montaigne selbst. Rauschenbach benennt ferner die feministischen Ansatzpunkte für Gournay bei Montaigne und erhellt auf diese Weise den Widerspruch zu dessen antifeministischen Äußerungen, ein in der Forschung bislang noch unzureichend geklärtes Problem.

Die Tatsache, dass Marie de Gournay erst im hohen Alter ihr Gesamtwerk veröffentlicht, darunter auch Schriftteile, die sie mehr als dreißig Jahre zuvor verfasst hatte, wertet Rauschenbach als Reaktion auf die systematischen Verleumdungen, die der Humanistin zeit ihres Lebens zuteil wurden. Auf diese Weise „mundtot“ gemacht, um noch größeren Schaden abzuwenden, „‚findet‘ sie fast sechzigjährig ihre „Sprache wieder“ und präsentiert der Öffentlichkeit den „Schatten“ ihres Lebens(-traums), wie sie ihr Gesamtwerk bezeichnet (L’Ombre de la Damoiselle de Gournay).

Fazit

Angesichts der klugen und wichtigen Beiträge, die Rauschenbach zur Analyse des Werkes von Marie de Gournay leistet, wäre es wünschenswert gewesen, sie hätte dieser mehr Raum gewidmet. Wenn Rauschenbach darauf zugunsten einer ausgedehnten Untersuchung der Verleumdungen und Polemiken gegen Marie de Gournay verzichtet, dann deshalb, um die Repressalien der Gesellschaft und die Machtmechanismen der Geschlechterordnung darzulegen, was ihr auch überzeugend gelungen ist. Dabei gelangt sie zu dem Ergebnis, dass in unsicheren Zeiten des Umbruchs der Rückgriff auf traditionelle Geschlechterrollen wider Erwarten verstärkt wird.

Im Rahmen der Argumentation werden dabei jedoch Äußerungen berücksichtigt, bei denen fraglich ist, inwieweit es solche ungerechtfertigten Diffamierungen wert sind, immer wieder tradiert zu werden. Verstärkt wird dies durch die gelegentliche Übernahme von Formulierungen wie „alte Jungfer“, „vieille fille“ oder „kleine Vorgängerin“ als Autorinnenbezeichnungen sowie die Bewertung der Ronsard-Reform als „plumpe Fälschung“ (S. 85). Die Verleumdungen erhalten dadurch einen großen Stellenwert, und man verliert gelegentlich aus dem Blick, dass Marie de Gournays Lebensentwurf einer ledigen Intellektuellen zu dieser Zeit ohne Vorbild war,sie sich letztendlich nicht davon abhalten ließ, zu vielen wichtigen zeitgenössischen Fragen Stellung zu beziehen und sich darin trotz aller Anfeindungen bis zu ihrem Tode treu blieb.

Unabhängig davon ist der Band von Brigitte Rauschenbach in vielfacher Hinsicht bemerkenswert: Zum einen ist er die erste deutsche Biographie über Marie die Gournay, zum anderen ist er die einzige als Monographie erschienene Biographie seit den 60er-Jahren überhaupt, d. h. es handelt sich hierbei um die einzige umfassendere Darstellung, die die Forschungsergebnisse der letzten drei Jahrzehnte berücksichtigt. Darüberhinaus ist es den wertvollen Analysen Rauschenbachs zu verdanken, dass zum Teil neuere, zum Teil jahrhundertealte Fehlinterpretationen über das Werk und die Person der Marie de Gournay ausgeräumt oder zumindest in einem neuen Licht gesehen werden können. Desweiteren gelingt es Rauschenbach, die Bedeutung der Geschlechterordnung für das Leben einer Intellektuellen dieser Zeit und die Wechselwirkung auf ihr Schaffen sehr anschaulich darzustellen und damit einige der Blockierungen im Kampf um die Geschlechtergleichheit offen zu legen.

URN urn:nbn:de:0114-qn022145

Monika Kopyczinski

Berlin

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